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Manchmal muss man Dinge einfach machen. Neue Ordnung schaffen, Strukturen ändern. Der ehemalige ÖVP-Klubobmann Andreas Khol hat das „alte Zöpfe abschneiden“ genannt. Barbara Tóth hat das jetzt auch probiert. Und ihr Bücherregal deswegen nach Farben geordnet. 

Türkis. Wo sind meine türkisen Bücher? Die müssen jetzt auf Augenhöhe, in die Mitte. Ich soll meine Bücher nicht nach Themen, sondern nach Farben ordnen. Was passiert, wenn ich nicht die Romane rechts, die Sachbücher links, alles Historische weiter oben, die ganze Feminismuskiste darunter schlichte? Die Literatur nicht nach Franzosen, Angloamerikanern, Deutschen, Österreichern, Tschechen und Israelis aufteile? Nicht nach großen und kleinen Formaten, nach Taschenbuchhöhe und Prachtbandmaßen, sondern entlang des Regenbogens?

Mein Bücherregal ist ein Architektenregal. Das war nicht verhandelbar. Verhandelbar waren die Architektenglühbirnen, die von der Decke baumeln. Die durften sich nach einigen Wochen dekorieren lassen, mit Lampenschirmen, die ich allerdings eigenhändig zusammenbauen und aufhängen musste. Ich weiß, wo der FI-Schalter ist. Ich weiß, dass man eine Taschenlampe mit hoch auf die Leiter nehmen muss, wenn man die drei Kabel, die aus dem Plafond hängen, in diese winzigen Kupplungen einfädeln muss und es dabei dämmert, weil das alles schon viel zu lange dauert und der Haken, der die Lampe samt Lampenschirm tragen soll, einfach nicht halten will, weil Altbau, weil Schilfmatten, weil zarter Ziegelriesel. 

Aber die Flügeltüren, das Parkett, die Kastenfenster, die Raumhöhe! Und zugegeben, diese Architektenregale im Industrie-Schick, individuell anpassbar, verzinkter Stahl, roh und sehr, sehr funktional, die kommen natürlich ganz gut in diesem behaglichen Jahrhundertwendekitsch meiner Wohnung. Die brechen das, würden die Innenarchitektenfreunde meines Architektenfreundes jetzt sicher sagen. Brechen, bespielen, das sind so deren Jargon-Modewörter, unter uns Politik-Journalisten sind es Narrativ, Kontext, rocken, aufschlagen. 

Wahlkampfwörter, all das.

Mein Bücherregal nimmt eine ganze Wand ein, bis fast zum Plafond, bis dicht zum Türstock der Flügeltür, so dicht, dass der Lichtschalter jetzt hinter einer Bücherreihe versteckt ist und ich von der Seite hin­eingreifen muss, um meine hart erkämpfte Lampenschirmlampe einzuschalten. Im schummrigen Licht suche ich nach meinen türkisen Büchern. Türkis ist ein guter Anfang. Rechts davon Grün, Khaki, Braun, Grau und Schwarz anschließen. Links Blau, Lila, Rosa, Rot, Orange, Gelb und Weiß.

Hans-Peter Dürrs Bände „Intimität“ und „Nacktheit und Scham“ leuchten auf. Der erste ganz türkis, der zweite dunkeltürkis mit grelltürkiser Schritt. Typisch Suhrkamp Wissenschaft, kein Schnickschnack, nur Typografie und Farbe. Beide gehören zur Reihe „Mythos des Zivilisationsprozesses“ und erzählen, wie schamhafter Gesellschaften wurden, je mehr sie sich entwickelten. Philippe Ariès’ erster Band der „Geschichte des privaten Lebens“ ist auch türkis, noch so ein Klassiker der Annales-Schule. Ihre Vertreter wollten in den 1970er Jahren Geschichte neu erzählen, nicht aus Sicht der Herrscher, wer wann wie welche Schlacht gewonnen und dann wen geheiratet hat, sondern von unten. Sie erzählten von Gefühlen, vom Alltag, von den Sorgen der normalen Menschen. Das war damals revolutionär und ist es heute noch. 

David Brooks’ „The Social Animal“ ist auch türkis, steht ganz oben links, muss also runter. Das war ein „New York Times“-Bestseller, ich habe ihn gekauft, aber noch nicht gelesen. Das war früher ein typisches Das-nehme-ich-mit-in-den-Urlaub-Buch, das es so heute nicht mehr gibt, weil man es am Kindle runterlädt, genauso wie den neuesten T. C. Boyle. Der amerikanische Romancier mit dem besten zweiten Vornamen der Welt – C. steht für Coraghessan – wird auf Deutsch bei dtv verlegt – in einem dunklen, geheimnisvollen Türkis. Schneller Check auf der Homepage des Verlags, ob das immer noch so ist: Ja. Und die dtv-Verlagsfarbe ist jetzt auch Türkis, ein sanftes, helleres Türkis, fast so wie das von Sebastian Kurz’ angeblich neuer Volkspartei. Ein ähnliches Türkis verwendet auch Addendum, das neue Online-Rechercheportal von Red-Bull-Magnat Didi Mateschitz. Das kann einen schon beunruhigen. Fehlt nur noch, dass Apple ein türkis schimmerndes iPhone auf den Markt bringt, dann kenne wir den fünften Farbton der Post-Nullerjahre. Die anderen waren weiß, schwarz, silber und roségold.

Weiter mit Bruno Kreiskys „Die Zeit, in der wir leben“. Kreisky war ein Kanzler, der noch selber Bücher geschrieben hat. Eine wirklich gut zu lesende Autobiografie etwa, in drei Bänden, jeder für sich doppelt so dick wie jede andere Autobiografie oder Biografie der Kanzler davor oder danach. Dann Robert Menasse, „Überbau und Underground“ aus dem Jahr 1997, da war er noch ein richtig guter Essayist.

Ich bin in den vergangenen zehn Jahren dreimal um-, davon zweimal mit einem neuen Mann zusammengezogen. Jedes Mal stand ich vor der Frage: Welche Bücher nehme ich mit? Ich habe sie in Ikea-Taschen gesiedelt, völlig respektlos. Sie haben sich ineinander verkeilt, gequetscht, gegenseitig verbogen. Am Ende mussten ziemlich viele Gymnasialklassiker dran glauben. Fast alles von Hermann Hesse, einiges von Franz Kafka. Und recht viele John Irvings.

Geblieben sind Milan Kunderas „Der Scherz“ und Max Frischs „Homo faber“, die kommen jetzt auch aufs Präsentierregal, weil sie sind beide zufälligerweise auch türkis. Genauso wie André Kaminskis „Nächstes Jahr in Jerusalem“ und Irvin D. Yaloms „Im Hier und Jetzt“. Yalom ist ein Psychoanalytiker, der fantastische Romane schreibt. „Die rote Couch“ etwa, aber die ist nicht türkis. Sie ist das beste Geschenk für einen komplizierten Mann, der glaubt, beziehungsunfähig zu sein. „Im Hier und Jetzt“ sind Yaloms Richtlinien für die Gruppentherapie. Nicht ganz so packend. 

Richtig toll ist dafür Oliver Nachtweys „Die Abstiegsgesellschaft“ in Dunkeltürkis, so ein Kroatien-Felsbucht-Türkis bei Windstille. Der deutsche Soziologe erzählt von der Generation der in den 1970er und 1980er Jahren Geborenen, die sich durch die, wie er es nennt, „regressive Moderne“ kämpfen. Als Freelancer, als Ich-AGs, alleine. Sie sind individuell und frei, gleichzeitig aber prekär und entsolidarisiert. Ich hätte mir nicht gedacht, dass ich einmal in einem Buch alles, wirklich alles erklärt bekommen würde, was ich seit dem Erwachsenwerden gespürt habe, aber nicht einordnen konnte.

So, da steht sie, meine türkise Bücher­reihe. Sie ist ein Anfang. Ich mag sie. Hätte ich nicht gedacht.