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Carolin Giermindl ist bekannt
dafür, nicht lockerzulassen. Eine gute Voraussetzung, Inserate für ein wirklich gutes, aber eher unbekanntes Produkt zu verkaufen. Würde man meinen.

Wie gelingt eine mentale Gesprächseinstimmung? Im Internet steht, man soll sich mit Fragen wie dieser beschäftigen. Das Warum ist rasch erklärt: Ich soll Menschen davon überzeugen, bei einer guten Sache mitzumachen. Eine gute Sache wäre, eine Anzeige im Fleisch zu schalten. Aus verschiedensten Gründen wäre das eine sehr gute Sache für uns alle. 

Also bleibt das Wie: Wann präsentiert man die Verkaufsargumente? Ich überfliege ein paar Sachen, bleibe bei dem Satz hängen: „Das Gewinnen von Anzeigenkunden ist ein fortwährender Kampf, in dem eine verlorene Schlacht nicht als Niederlage, sondern als Chance gesehen werden muss.“ Verlorene Schlacht, ständiger Kampf. Na, das hört sich ja gleich gut an. 

Also: wie? Vielleicht ist Anzeigenverkauf eine Frage der Begabung, Ich frage also den Huber (den Herausgeber dieses Hefts, Anm.), der weiß das vielleicht. Aber leider nein. „Ich sag’s dir gleich: Ich hab nicht die geringste Ahnung vom Anzeigenverkauf“, sagt er. Er steht vom Schreibtischstuhl auf, geht mit seinen langen Beinen im Zimmer auf und ab und sagt: „Ich sag immer: ‚Hallo. Huber. Es ist wieder so weit. Wir kommen raus.‘“ Ah so, aha. Er gibt mir Auflage, Abonnentenzahlen, Seitenformat und Anzeigepreise bekannt. Das Ganze ist ihm irgendwie alles unangenehm. Als ich nochmal nachfrage, weil ich in einem Tutorial ja gelesen habe, dass man eine Zielgruppe braucht und ich ein Adjektiv in Zusammenhang mit der Fleisch-Leserschaft nicht verstanden habe, meint er: „Unsere Leser sind top. Richtige Top-Leser sind das. Bei uns ist überhaupt alles top.“ 

Wir lachen jetzt ein bisschen. 

Dann räumt er sein Büro. „Du brauchst Ruhe“, sagt er, „sonst geht das nicht.“ Ich spüre, wie sich Druck aufbaut. „Und bei internationalen Modefirmen“, sagt der Huber noch im Weggehen, „da brauchst gleich gar nicht erst anrufen. Weil die haben immer eine Mediaagentur, die irgendwo im Ausland sitzt, und dort hebt dann sowieso niemand ab. Und wenn dort wirklich mal einer rangeht, dann heißt der Sven Sören Irgendwas und sagt im Idealfall: ,Gut, schicken Sie mir Ihre Mediadaten.‘ Das war dann aber schon das höchste der Gefühle.“ Weil man danach nie wieder etwas von denen hören würde. Buh, klingt anstrengend,  ich bin nervös. 

Was hat Sigrid J., Anzeigenleiterin des Falter-Verlags, mir vor zwei Tagen gesagt? „Du musst authentisch sein, du brauchst gute Argumente, ein gutes Produkt.“ Na also.

Fleisch ist ein gutes Produkt, ich bin authentisch, deshalb: Her mit dem Hörer.

Ich wähle. 

Ich leg gleich wieder auf, einen Schluck Wasser noch. 

Aber jetzt: die Nummer von einem Wiener Juwelier. Es läutet durch. Bestimmt hört der Huber im Nebenzimmer genau zu, was ich sage. Soll ich Grüß Gott sagen oder Guten Tag? Grüß Gott klingt so gar nicht nach einem progressiven Magazin, ich einige mich mit mir auf Guten Tag.

Es ist aber belegt. Neue Nummer, andere Nummer, eine große Autofirma. Bin angespannt, konzentriere mich auf das Geräusch im Hörer. Tuutuutuut. Nix, wieder nix, belegt. Beim Juwelier ist immer noch belegt, dauernd belegt. Das gibt’s doch nicht. Ich geh nach nebenan. „Ah“, sagt der Huber, „das hab ich jetzt ganz vergessen: Du musst zweimal die Null wählen.“ 

Na, aber jetzt: Jaguar, Casinos Austria, NEOS, Erste Bank – ich erreiche niemanden. Die Marketingabteilungen des Landes sind zu Mittag offenbar verwaist. Ich hoffe auf den Nachmittag. 

Nach 14 Uhr. Die Marketingchefin von denn’s ist freundlich, meint aber gleich, sie würden nur selten Inserate schalten. „Eigentlich gar nicht“, sagt sie. Bei Opel erreiche ich nur den Pressesprecher, der sagt, die Marketingchefin wäre nicht mehr an Bord, sie würden jetzt eine Neue suchen und ich soll im November nochmal anrufen. Der zuständige Herr bei BMW ist nicht an seinem Platz. Der Mensch, der beim Juwelier für Inserate zuständig ist, weilt in Spanien. Bei der Frau im Burgtheater soll ich mich morgen wieder melden und bei Vöslauer erreiche ich nur die Mailbox. Der Mensch von der Viennale ist nett, hat aber kein Budget für Werbung. Und bei den NEOS ist, obwohl es erst 15 Uhr ist, keiner mehr da.

Kurz nach 16 Uhr habe ich sicher 30 Telefonate geführt und nichts erreicht. Ich lasse es für heute und bin schlecht gelaunt. Abends läuft im Fernsehen Strolz gegen Kurz. Der neue ÖVP-Obmann, das ergibt anschließend die Analyse, hat in fast allen Punkten überzeugt. Gratuliere.

Dienstag früh geht es viel besser. Zuallererst ist der Mann von BMW dran. Ich freu mich, sag ihm, dass ich ihn dazu überreden will, bei uns ein Inserat zu schaltet. „Okay“, sagt der BMW-Mensch, er nimmt es offenbar sportlich: „Los, überzeugen Sie mich.“ Er hört sich meine mega-urban-gebildete- Leserschaft-eines-Top-Gesellschafts-und-Kulturmagazins-mit-der-besten-Ausgabe-ever-Argumente an, dann: „Leider, kein Budget mehr heuer. Aber“, sagt er „rufen Sie doch unsere neue Marketingchefin von Mini an. Mini passt zu Ihrem Magazin. Vielleicht geht da was.“ Juhu, ich jubiliere.

Die neue Mini-Marketingchefin, eine Deutsche, sagt: „Aha, soso, jaja. Schicken Sie mir doch Ihre Mediadaten. Ich schau mir das gerne an.“ Die Frau vom Burgtheater sagt, sie könne mir zwar jetzt keine Zusage machen, aber ich solle ihr einfach mal ein Fleisch schicken und dann würden wir weiterschauen. Na bitte, geht doch. Die Marketingassistentin von Morawa ist auch freundlich und bittet um ein Mail mit genaueren Angaben. 

Das netteste Gespräch führe ich mit dem Marketingmenschen von Meinl am Graben. So ein netter Mann. Er erkundigt sich nach unserem Format, weil Meinl einen Beileger produziert, meint, vielleicht könne man da etwas mit einer Geschenkkorbanzeige, und überhaupt … Er wird sich, sagt er, das Fleisch jetzt einmal anschauen und dann mit der Geschäftsleitung sprechen. Prima, es läuft super.

„Vielleicht soll ich das mit dem Schreiben bleiben lassen und umsatteln“, denk ich mir auf dem Weg in die Redaktion. Ich will dort die gewünschten Mediadaten und ein paar schöne Ausgaben von Fleisch an die neuen Interessenten verschicken. 

Haaaahalllo? Das geht jetzt aber gar nicht. Auf dem Fleisch-Cover, das direkt neben den Anzeigenpreisen abgebildet ist, steht dick und fett und sehr gut lesbar: „Wenn ich so weitermache, bin ich in zwei Jahren tot.“ Es ist die Glavinic-Nummer, in der der Autor lauter so heftige Sachen erzählt. Von Nahtod, Angstattacken, Drogen. Hilfe! 

Ich frage Benni (den Chefredakteur von Fleisch, Anm.), ob wir das Bild da nicht einfach austauschen können. Weil, bitte: Wer soll bei dem Titel inserieren? Ein Bestattungsunternehmer? Das Klinikum Kalksburg? Benni schaut mich mit seinen großen Augen an und sagt kurz und knapp und in aller Ruhe: „Wieso? Is eh super.“ 

Na dann. Ich lasse es gut sein. Der
Mann hat offenbar keine Ahnung von der Welt da draußen.

Aber sonst: alles easy heute. Sogar bei den NEOS ist wer dran. Der zuständige Herr ist unterwegs, aber, so das Büro, ich soll ihm doch ruhig eine Anfrage schicken. 

Mittwochvormittag. 

Nur Absagen, zum Teil sogar richtig ärgerliche. Fühl mich nach einer Stunde am Telefon so, als hätte ich einen ganzen Arbeitstag hinter mir. „Kein Interesse“, lässt mir zum Beispiel der Marketingchef von den NEOS ausrichten. Wie bitte? Hallo? Könnte man da nicht irgendwie sagen: „Leider, äh, ihr seids eh super, bleibts uns gewogen“, oder sonst was?? Noch dazu vor einer Wahl! Ich fass es nicht. Werde die jedenfalls nicht wählen. (Ich bin als Deutsche eh nicht wahlberechtigt.)

Bei Mini ist heute niemand da. Bei Kiehl’s, Drei, Manner, Niederösterreichische Landesausstellung, ÖBB, Salinen Austria, Voestalpine, Land Rover, Figlmüller, Juwelier Wagner – nirgendwo kommt etwas dabei heraus. Immerhin bedankt sich der Geschäftsführer von Morawa nett per E-Mail, meint aber auch, sie müssten unser Angebot leider ablehnen. 

Der Mann, der bei Porsche für die Werbemittel zuständig ist, erklärt mir schließlich ganz offen: „Bei mir rufen 15 Leute am Tag an. Alle wollen etwas. Unser Budget für Printmedien wird aber jetzt nicht mehr, sondern eher weniger. Und da sucht man sich das Blatt, in dem man inseriert, schon sehr genau aus. Sorry“, sagt er und wünscht alles Gute. 

Eh nett. 

Mir reicht es trotzdem, mag nicht mehr. Es ist lächerlich, aber ich nehm das doch persönlich. Vielleicht ist es mein Dialekt, und die glauben, wenn ich „Fleisch“ sag, dass ich von der Niederbayerischen Metzger-Innung bin? Vielleicht kenn ich einfach die falschen Leute? Weil: Da braucht es Kontakte, da muss man viel lächeln, wenig anecken. Da braucht es eine richtig ausgeklügelte Strategie, genug Vorlaufzeit. Ich suche nach Ausreden, doch es hilft alles nichts: Ich bin gescheitert. 

Ende der Woche. Die Viennale macht ein Gegengeschäft – also Inserat gegen Inserat – mit uns! Halleluja! 

Vielleicht sollte man die Sache mit dem Bargeld eh überhaupt neu denken.