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Eigentlich ist Jonas Vogt ja Deutscher. Das heißt aber nicht, dass ihm Österreich egal ist. Deswegen hat er versucht, unser Land ein Stück weit besser zu machen. Einen ganzen Tag lang. 

Wer ein Land voranbringen will, muss früh aufstehen und deswegen läutet der Wecker bereits um sieben Uhr früh. Ich will das Land nämlich wirklich voranbringen, ich habe dafür viele gute Ideen, die erste ist, etwas gegen die überbordende Bürokratie zu unternehmen, und wo könnte man das besser als bei der Sozialversicherungsanstalt der gewerblichen Wirtschaft, der berühmt-berüchtigten SVA. 

Und diese öffnet verdammt früh.

Weil Österreich den Mutigen gehört, nehme ich die U6. Im grauen, etwas abweisenden SVA-Servicecenter in Margareten stempelt die freundliche junge Sachbearbeiterin meine Überweisung, wegen der ich hier bin, schnell und unbürokratisch ab, ignoriert aber höflich meinen Hinweis, dass sie eigentlich ein wandelnder Verwaltungsaufwand sei. So wird hier nichts besser. Es ist noch nicht mal zehn Uhr morgens, also noch nicht mal hier in dieser Umgebung Zeit für eine Pause, und ich stehe in meinem Plan zum ersten Mal so an, als würde mir Reinhold Mitterlehner im Weg stehen. Ich hatte mir eigentlich einen schönen Satz mit „Kassen zusammenlegen“ zurechtgelegt, schrecke aber im letzten Moment zurück, um nicht wie der letzte Creep zu wirken. Fehlt mir der absolute Wille zur Veränderung? Ich verlasse die Zentralstelle ein wenig zerknirscht, aber dafür ärgere ich mich nicht mehr über den SVA-Selbstbehalt, weil ich so nicht nur aus Jux und Tollerei zum Arzt laufe und das hilft, auch in einer alternden Gesellschaft den Anstieg der Gesundheitskosten im Rahmen zu halten. 

Aber ist das Land dadurch schon besser geworden?

Nächster Schritt, nächster Versuch, und der ist deppensicher: Ich habe mir zum Ziel gesetzt, die Konjunktur anzukurbeln. Zwar wuchs Österreichs Wirtschaft im zweiten Quartal 2017 ohnehin um 0,8 Prozent, aber auf so was kann man sich ja nicht verlassen. Die Konjunktur persönlich anzukurbeln ist gar nicht so schwierig: Man muss nur unvernünftig Geld ausgeben und über seine Verhältnisse leben, so als wäre man die Gemeinde Wien. Ich gehe also in den nächsten Supermarkt und lade alles in den Einkaufswagen, was mich auf den ersten Blick anspricht. Von A wie Apfel (das stärkt die Regionalität) über C wie Curry (das stärkt den Welthandel) bis S wie Schnitzel (das stärkt das Schwein, das mittlerweile aus immer mehr Kindergärten verschwinden muss). Ich stolziere am Käse und an der Milch vorbei und freue mich über die heimischen Produkte, die dieses Land so einzigartig machen. An der Kasse lächele ich den Mitarbeiter an, er lächelt zurück, während das Geld den Besitzer wechselt. So menschlich kann Marktwirtschaft auch sein. 

Und bestimmt wird das Land so ein Stück besser.

Eines der Grundprobleme Österreichs ist, dass die Fleißigen nicht im ausreichenden Maße belohnt werden. Das muss ich ändern. Als Nächstes möchte ich die belohnen, die heute bereits etwas geleistet haben. Ich streife also in der Gegend um die Oper herum und suche einen Leistungsträger. In der Karlsplatz-Passage zieht ein Strom an Menschen vorbei, die aber alle eher wie Touristen oder Nettoempfänger wirken. Letztlich nähert sich ein Mann im graublauen Anzug. Er hat ein iPhone am Ohr und schaut von Weitem so aus, als hätte er heute definitiv bereits etwas für Österreich geleistet. Ich drücke dem Anzugträger fünf Euro in die Hand, halte ihm meinen hochgereckten Daumen vor das überraschte Gesicht und verschwinde Richtung U-Bahn. Weiter so, guter Mann! 

Es ist mittlerweile Nachmittag und Zeit für ein kritisches Zwischenfazit. Es gilt, eine unangenehme Wahrheit auszusprechen: Leider hat sich Österreich zum Stand von heute Morgen noch nicht sichtlich gebessert. 

Eventuell müssen härtere Maßnahmen her. Weniger großkoalitionäre Kompromisse, mehr entschiedenes Handeln. Ich greife also zum Handy und schreibe einer guten Freundin auf Whatsapp, ob sie eventuell ein Kind machen wolle. Eine österreichische Frau bekommt schließlich aktuell nur 1,49 Kinder, was 0,61 Kinder weniger sind, als für das „Bestanderhaltungsniveau“ notwendig wäre. Die Antwort besteht aus drei Fragezeichen und wird auch durch die Erklärungen, in denen das Wort „Bestanderhaltungsniveau“ vorkommt, nicht positiver. Was ich zumindest verstehen kann. 

Ich mach mich auf den Weg zurück nach Ottakring, auch weil mir klar wird, dass ich mich noch nicht genug mit dem Thema Nummer eins, der Migration, beschäftigt habe. Am Ende ist es aber das Thema, um das es den Menschen in diesen Tagen geht. Ich sollte mich also um die Integration der muslimischen Zuwanderer kümmern. Genau genommen gehöre ich mit meinem deutschen Pass zwar selbst zu den 45,2 Prozent der Nicht-Österreicher in Ottakring, aber als Zuwanderer aus dem jüdisch-christlichen Kulturkreis weiß ich natürlich, dass nicht ich das Problem bin. 

Ottakring, insbesondere die Gegend um den Brunnenmarkt, gilt mit Recht als gefährlich. Hier gibt es Niqabs, Innereien werden offen feilgeboten. Medien benutzen den Brunnenmarkt für Schnittbilder „Einwanderungsstadt Wien“ und unterlegen sie je nach benötigter Stimmung mit dunkler oder multiethnischer Musik. An diesem späten Dienstagnachmittag stehen die Standler hinter ihrem bunten Obst und Gemüse und gehen schreiend langsam mit den Preisen herunter, um ihre Waren noch loszuwerden. Ich wandere ein bisschen herum und halte nach islamistischen Umtrieben und Dealern Ausschau. Ich beginne ein Gespräch mit einem Standler und nicke zufrieden, als ich höre, dass sein Sohn an der Uni Wien studiert. Es ist dieser Aufstiegswille, der Österreich voranbringt. 

Auf der Thaliastraße gibt es ein Kebabgeschäft, das mich schon oft aus einer misslichen Lage gerettet hat. Und sei die missliche Lage nur, dass ich es nicht rechtzeitig zum Einkaufen geschafft habe. Normalerweise bin ich ihm dafür sehr dankbar, heute bin ich hin- und hergerissen, wie das zu bewerten ist. Grundsätzlich ist ein gut besuchtes türkisches Restaurant ja ein kleines und mittelständisches Unternehmen (KMU), bekanntlich das Rückgrat der österreichischen Wirtschaft. Andererseits wird dort nicht deutsch gesprochen, und wenn, dann nur in abgehackten Sätzen. Es könnte also eine dieser Parallelgesellschaften sein, wegen denen immer mehr Wiener aus Wien wegziehen. 

Ich trete durch die Glastür ein und werde mit „Servus, Bruder. Wie immer?“ begrüßt. Okay, ich bin wirklich oft dort. Unter normalen Umständen würde ich jetzt nicken oder „Ja, Kebab vom Kalb“ in meinen Bart murmeln. Heute spreche ich aber in ganzen Sätzen, um das Niveau der Unterhaltung zu fördern. „Ich hätte gerne einen Döner Kebab mit Kalbfleisch.“ Die Monobraue unter dem kleinen roten Hütchen des Kebabverkäufers zuckt kurz, er ist offensichtlich ein wenig irritiert. „Mit allem und scharf?“, fragt er, während er Fleisch in das Brot schaufelt. „Ja, bitte mit allen Zutaten und scharfem Gewürz.“ Das rote Gewürz rieselt langsamer als sonst auf die Soße, der finale Austausch von Geld gegen Ware erfolgt schweigsam. Der Kebabverkäufer schaut mich ein bisschen länger an als sonst. Da hat ein Denkprozess eingesetzt. Gut so. 

Am Abend steh ich in meiner Wohnung herum und denke nach. War ich erfolgreich? Habe ich die richtigen Schritte gesetzt, um das Land auf Schiene zu bringen und wieder zum besseren Deutschland zu machen? Ist Österreich jetzt ein besseres Österreich als zwölf Stunden vorher? Ja, aber es ist schwieriger als gedacht. Veränderungen sind hart. Man kann sie nicht alleine durchbringen. 

Es braucht dafür eine Bewegung.