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Benjamin Koffu machte sich lange nicht wahnsinnig viel aus Pflanzen. Bis er zur letzten Hoffnung für einen Kaktus wurde. Manchmal muss man einfach Verantwortung übernehmen. 

Im Wohnzimmer hatte er alles, was er brauchte: Wasser und einen Platz unterm Fenster mit reichlich Tageslicht. Einmal haben wir auch neue Erde besorgt und ihn umgetopft, weil der Topf zu klein geworden war. Bis vor einem Jahr ist er immer weiter gewachsen, er war hüfthoch, und ich bilde mir ein, dass er sogar einmal geblüht hat. Unser Kaktus, und ich sage das mit allem Stolz, war lange Jahre eine einzige Erfolgsgeschichte. Es ging mit ihm immer nur nach oben. 

Aber dann hat sich für unseren Kaktus alles geändert.

Ein kleines Kind, das lernt, sich fortzubewegen, zeigt auch an Dingen großes Interesse, die es besser nicht anrühren sollte. Dazu zählen auch Kakteen im Wohnzimmer. Also musste der Kaktus weg aus seiner angestammten Umgebung und landete im Badezimmer.

Dort steht er seitdem hinter einer Kommode und verliert seine fiesen feinen Nadeln. Seine Vergangenheit als Zimmerpflanze, die von Gästen schon mal bestaunt wurde, ist ihm kaum noch anzusehen. Und von ewigem Wachstum kann sowieso keine Rede mehr sein. Es geht ihm schlecht. 

Wenn er uns zum Beispiel beim Putzen zufällig mal wieder auffällt, gießen wir ihn, das schon. Aber besonders oft kommt das nicht vor. Das Licht im Badezimmer ist auch nicht das Wahre, weil die Jalousie dort so gut wie immer zu ist. 

Vor gut einem Monat ist der Kaktus in der Mitte abgebrochen und seither nur noch maximal kniehoch. Er ist jetzt auch nicht mehr durchgängig grün, sondern hat immer mehr braune Stellen.

Ja, wir haben den Kaktus vernachlässigt. Er lebt zwar, aber viel mehr als vor sich hinvegetieren kann man das nicht nennen. Unser Kaktus braucht dringend Hilfe. Und ich bin seine letzte Hoffnung. 

Ich werde also die Verantwortung übernehmen und versuchen, ihn aufzupäppeln. Das kann eine Zeitlang dauern und wer weiß, ob ich es schaffe. Ich habe von Kak­teen schließlich keine Ahnung und Pflanzen sind generell nicht so mein Ding. Aber dieser Kaktus hat eine Chance verdient.

Mein Wissen über Pflanzen und ihre Pflege beschränkt sich wie erwähnt im Wesentlichen auf zwei Dinge, von denen ich annehme, dass sie auch auf Kakteen zutreffen. Erstens: Je mehr Licht, desto besser. Der Kaktus darf also wieder ins Wohnzimmer. 

Beim Raustragen sehe ich, dass es ihm offenbar noch schlechter geht, als ich bisher angenommen habe. Die Stelle, an der er aus der Erde wächst, ist ganz braun und sehr dürr geworden. Ich muss den Kaktus stützen, fasse ihn also mit einem Handtuch am Stamm an und bewege mich langsam. Jede ruckartige Bewegung könnte ihm den Rest geben, da bin ich mir ziemlich sicher. Außerdem habe ich Angst, dass ich falsch reagiere, sollte er tatsächlich brechen. Was, wenn ich reflexartig nach ihm greife, um ihn aufzufangen? Wie lange es dauert, bis die ganzen Nadeln in diesem Fall aus meinen Händen eitern, will ich mir gar nicht ausmalen.

Ich stelle den Kaktus unter die Fensterreihe im Wohnzimmer und kippe ein Glas nicht zu kaltes Wasser in den Topf. Weil zweitens: Wasser brauchen alle Pflanzen, auch die, die normalerweise in der Wüste stehen. Das ist nicht viel mehr als ein kurzfristiges Soforthilfepaket, ich stabilisiere den Patienten, mehr nicht. Aber es bringt Zeit. 

Und das ist schon mal gut, weil ich mir wirklich nicht so sicher bin, ob der Kaktus noch viel davon hat. Ehrlicherweise ist es für mich schwer einzuschätzen, ob er nicht überhaupt schon tot ist.

Wie weiter? Es braucht, wie so oft, wenn es wirklich ernst wird, externe Berater. Mein Patient ist aber nicht mehr sehr mobil, es ist gut möglich, dass er den Transport zum Kakteenfachgeschäft nicht überlebt. 

Aber eine schnelle erste Diagnose muss her. Ich frage das Internet.

Alles deutet darauf hin, dass es sich um eine Silberkerze, lateinisch Cleistocactus, handelt. Die genaue Art dürfte Cleistocactus strausii heißen: „Der grüne Stamm ist mit weißlichen oder silbergrauen dünnen und spitzen Borsten bedeckt. Den säulenförmigen Körper unterteilen 25 bis 30 schma­le Rippen.“ Ja, das kommt hin. Auf der Kaktusfreundeseite, auf der ich das alles nachlese, wird die Silberkerze als „mittelschwer“ eingestuft. 

Ich bin bisher davon ausgegangen, dass Kakteen grundsätzlich immer leicht in der Pflege sind, und werde etwas nervös. 

Kann ich das?

Vielleicht hatten wir mit unserem Kaktus bisher einfach Glück. Dass Silberkerzen blühen, ist offenbar gar nicht so selbstverständlich – und wenn sie blühen, dann erst nach zehn bis 15 Jahren. Alt ist er also auch noch. Wobei, was ist bei einem Kaktus eigentlich alt?

Jetzt habe ich jedenfalls tatsächlich so etwas wie ein schlechtes Gewissen. Ich halte fest: einer Pflanze gegenüber. 

Dass ausgerechnet ich seine letzte Hoffnung sein soll, ist schon auch bitter. Zumindest aus der Perspektive des Kaktus.

Immerhin hatte ich die Verantwortung für ihn ja auch schon davor. Und wegen mir sieht er so aus, wie er jetzt aussieht. Ich war dabei, als es mit ihm bergab ging, und habe zugesehen und nicht eingegriffen. 

Disqualifiziert mich das? Nein. Weil: Ist es nicht okay, zu sagen, man will es in Zukunft besser machen und einen Neustart wagen? Besser jetzt als nie!

Ich will jetzt jedenfalls, dass die Silberkerze lebt. Mehr noch: Sie soll demnächst wieder blühen wie früher.

Was also braucht sie von mir? Mit mehr Licht bin ich schon mal am richtigen Weg. Am besten wäre Sonnenlicht. Das kann ich momentan nicht bieten. Den Kaktus zu gießen ist auch nicht daneben gewesen. Prinzipiell – weil richtig gießen ist ein bisschen komplizierter, als einfach den Topf mit Wasser zu fluten. Man soll Kakteen gleichmäßig wässern. Das Wasser sollte zimmerwarm, abgestanden und idealerweise überhaupt Regenwasser sein. Ich nehme mir vor, einen Eimer auf den Balkon zu stellen und auf Regen zu hoffen. Außerdem drehe ich den Heizkörper auf, vor dem der Kaktus steht.

Dann stolpere ich über eine Information, die mich verunsichert: Kakteen halten eine Art Winterruhe, während der sie es kühl haben sollten und nur sehr wenig Wasser brauchen. Was, wenn die Silberkerze schon in der Winterruhe ist, wenn es ihr eigentlich gut geht und ich ihr mit dem Wasser, dem abrupten Standortwechsel und der Wärme mehr schade als helfe? 

Okay, es braucht wirklich externe Beratung, auch wenn das im Moment nicht besonders gerne gesehen wird. Ich breche also zum Kakteengeschäft auf. 

Es ist definitiv nicht leicht, eine letzte Hoffnung zu sein. Aber dass ich es jetzt bin, spornt mich an. Das Schuldgefühl, das mich antreibt, weicht langsam echtem Ehrgeiz. Ich will es jetzt wirklich. Ich will nächstes Jahr nach der Ruhephase des Kaktus Blüten sehen. Und ich will es jetzt nicht mehr nur für ihn – sondern vor allem auch für mich. Ehrgeiz ist ein starkes Gefühl, das bei mir nur aufkommt, wenn ich von etwas begeistert bin, also eher selten. Ich halte nochmal fest: Im konkreten Fall wurde es von einer Pflanze ausgelöst.

Von den Beratern, man muss es so sagen, hatte ich mir ein bisschen mehr erwartet. Wo sind die ganzen Hilfsmittel für Profis, wo die Spezialdünger und Kunstlichtlampen? Irgendwo im Laden finde ich zumindest eine Verkäuferin. Ich zeige ihr die Fotos von meinem Pflegefall. 

Es stellt sich heraus, dass es dem Kaktus vielleicht doch noch nicht so übel geht wie gedacht. An den braunen Stellen dürfte er nämlich verholzt, nicht abgestorben sein. Sie sagt, das wäre bei jemand in seinem Alter normal.

Die Verkäuferin scheint meine Sorge generell nicht zu teilen beziehungsweise berühren sie die Schockfotos und meine Schilderungen gar nicht. Gut, die Frau ist Profi und wahrscheinlich Ärgeres gewohnt. Dass er abgebrochen ist, liegt laut ihr am zu hohen Gewicht seines Stamms. Für die nächsten Monate reiche es jedenfalls, wenn ich die Silberkerze umtopfe. Sie gibt mir einen Sack Kaktuserde mit. Bis März muss der Kaktus auch nicht wahnsinnig oft gegossen werden, denn so lange dauert seine Ruhephase.

Umtopfen also, aber wie geht das am besten? Wie greife ich ihn an, ohne ihn zu verletzen? Die alte Erde unbedingt mit in den neuen Topf tun, hat die Verkäuferin vorhin gesagt, sonst könnte ich schlimmstenfalls die Wurzeln beschädigen. Ich nehme einen Kochhandschuh, mit dem ich den Kaktus umfasse, während ich ihn samt Erde und Wurzeln mit einer Schaufel in den neuen Topf hieve, in dem schon ein bisschen Spezialerde liegt. Dann fülle ich den Topf und stütze den Kaktus noch zusätzlich mit einem Bambusstab. Es läuft überraschend gut, keine Nadeln in meinen Händen und kaum welche, die der Kaktus während der Aktion verloren hat.

Jetzt steht er also da und sieht gar nicht mal so schlecht aus. Aber natürlich könnte es besser sein. Ich helfe ihm bis zum Frühling, wieder auf die Beine zu kommen, dann muss er selbst seinen Teil beitragen. Der Kaktus und ich, wir fangen noch mal von vorne an.