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Es kommt nur noch selten vor, dass Markus Honsig in einer Runde der mit Abstand Jüngste ist. Um rauszufinden, wie sich das anfühlt, war er mit seinem Vater und dessen Freunden in Oberösterreich Tennis spielen.

Vielleicht sollte ich Folgendes vorausschicken. Mein nächstes Maturajubiläum wird das 40. sein und es wird stattfinden, bevor der wichtigste Maturant des Landes sein 15. feiern wird. Der Jüngste bin ich wirklich selten – außer ich fahre nach Oberösterreich, besuche meinen Vater und stelle mich mit ihm und seinen besten Freunden auf den Tennisplatz. 

Das kann man machen, natürlich. Aber es ist eigentlich keine gute Idee, eher sogar eine richtig schlechte Idee. Weil ich seit Jahrzehnten kein Match, keinen Aufschlag, kein Doppel gespielt habe. Und weil die Männer, mit denen ich dann am Platz stehen werde, seit Jahrzehnten nichts anderes tun als mehrere Stunden pro Woche genau das: Doppel spielen. Ich schlage alle paar Wochen mit dem Herausgeber dieses Magazins ein paar unverbindliche Bälle hin und her. Mein Tennis ist ein quasi autochthones Spiel, das – wenn überhaupt – nur in ganz bestimmten Umgebungen und unter ganz bestimmten Bedingungen funktioniert.

Ich kann nur verlieren, so viel steht jedenfalls fest, als ich vor dem Vereinshaus des Tennisclubs Grün-Weiß Steyr einparke. „Tennis für jung und alt“, steht auf einem an der Hauswand aufgehängten Transparent, was mich auch nicht mehr davon überzeugen kann, dass es hier nicht in Kürze zu einer der peinlichsten Vorstellungen der Vereinsgeschichte kommen wird. 

Was umso peinlicher ist, weil ich zum Thema auch ohne Tennis genug zu sagen hätte, als jüngstes von drei Kindern in der Familie. Ich mochte das immer, Jüngster sein – und noch besser: mit etwas Abstand Jüngster sein. Soll einem nichts Schlimmeres passieren im Leben, als alles ein bissl leichter, schneller und unverdienter zu bekommen als die früher Geborenen: Geld, Liebe, Erfolg, Macht.

Stimmt natürlich nicht. Falls meine Geschwister mitlesen: Ihr wisst, wie schwierig es sein kann, der Jüngste zu sein. Ich habe eure alten Wintermäntel aufgetragen, bin eure alten Tretroller und Fahrräder gefahren und habe meine erste eigene Carrera-Bahn zu meinem 30. Geburtstag bekommen. 

Ja, zum 30. 

In diesem Alter entwerfen andere Strategien, wie sie Bundeskanzler werden. 

Abgesehen davon, dass man zum Beispiel viel zu früh mit dem Rauchen beginnt, wenn man sich das angewöhnt, immer
der Jüngste zu sein, und sich später
entsprechend plagen muss, damit wieder aufzu­hören.

Grundsätzlich mag ich es aber bis heute, Jüngster zu sein. Nur in diesem Moment mag ich es nicht. „Das ist mein Jüngster“, sagt mein Vater, Jahrgang 1926, wie immer, wenn er mich vorstellt: Sepp ist Jahrgang 1937, und Hermann, der für gewöhnlich Jüngste der Tennisrunde, ist Jahrgang 1943.

„Ich kann das nicht wirklich, Tennis spielen“, schicke ich schon einmal voraus in die Runde, zur Absicherung. Die Frage, was ich dann am Platz eigentlich verloren habe, stellt höflicherweise niemand. Stattdessen: „Das macht nichts, wir machen das schon.“ Ich werde an ihre Väterlichkeit appellieren, das scheint schon einmal gut zu funktio­nieren.

Drei Doppelfehler im ersten Game lassen mir ohnehin wenig Wahl. „Versuch es doch mit einem Aufschlag von unten“, kommt ein erster Ratschlag von der Gegenseite, was an dieser Stelle zwar nach maximaler Demütigung klingt, für die Entwicklung des weiteren Spiels aber gar keine schlechte
Idee ist.

Ansonsten gibt es viel Lob für jeden halbwegs gelungenen Schlag. Und zwar nicht nur für mich, sondern von allen und für alle am Platz. Die Herren wissen sich zu motivieren und für gute Laune am Platz zu sorgen. Die gefühlten Altersunterschiede verringern sich mit jedem Ball, und ich weiß jetzt nicht, ob das mehr über die Qualität meines Tennis aussagt oder über die Freundlichkeit der gut eingespielten Runde. Das gemeinsame Unvermögen scheint jedenfalls kein schlechter Kitt zwischen den Generationen zu sein.

Ab einem gewissen Alter muss man das Spiel jedenfalls energieökonomisch anlegen. Der Trick dabei ist: Sie verkleinern das Spielfeld, meiden die lange Grundlinie, stehen weit vorne, spielen giftige Volleys und machen keinen Schritt zu viel. Ein hoch effizientes Spiel und durchaus unterhaltsam. Irgendwann muss aber auch klar sein, dass ich nicht gegen einen 91-Jährigen verlieren möchte, selbst wenn er mein Vater ist. Man verliert als Top-Ten-Spieler auch nicht gegen die Nummer 222 der Weltrangliste. Oder nur selten (Dominic Thiem gegen Ramkumar Ramanathan, Antalya 2017). 

Mit längeren, etwas schnelleren Bällen durch die Mitte lässt sich gut punkten. Die Schwachstellen des anderen ausnützen, es ist so etwas wie das Dirty Campaigning am Platz. Und das Ganze dann mit Laufarbeit kombinieren, weil das ist das Privileg der Jugend, da spürt man erstmals einen Hauch Wehmut am Platz. Sepp etwa, er hat Meisterschaftserfahrung, „da gab es schon ein paar gute Jahre“, erzählt er beim Bier nach dem Spiel, aber das rechte Knie spielt nicht mehr wirklich mit, der Meniskus hat sich verabschiedet. 

Was die alten Herren vom jungen Kandidaten halten? „Ein schlauer Kerl“, sagt der Jüngste. „Ein Scharlatan“, sagt der Älteste, viele Jahre fix eingebuchter ÖVP-Wähler, der aber nach seiner Pensionierung immer weiter nach links abrutschte. 

 Man kann nämlich auch klüger werden mit zunehmendem Alter. Und vielleicht sogar besser Tennis spielen lernen. Das muss die Hoffnung der Jüngeren sein.