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Ein Wahlkampf ist sehr lang und sehr anstrengend. Und wenn Körper und Geist schon bis ins Letzte ausgezuzelt wurden, eigentlich gar nichts mehr geht, wie macht man dann noch weiter? Christoph Wagner erinnert sich an den Tag, an dem er 23 Seidel Bier trank.

 +++ Noch 23 +++

In Pezis Almhütte fällt man nicht weiter auf, wenn man am Samstagvormittag elf Seidel Bier bestellt. Aber das Wodka Bull, das noch dazusoll, stiftet Unruhe hinter der Bar. „Hamma net, des Red Bull“, sagt die lockige Bedienung. Orangensaft? „A net.“

Leicht verschnupft sitze ich mit elf anderen an einem Tisch in der zweiten Etage des Kaufparks Alterlaa und warte auf unser erstes Bier. Ein kleines Murauer, das ich im Moment eigentlich gar nicht trinken will, was eine wirklich schlechte Voraussetzung ist für das, was wir heute geplant haben. Es gibt Favoriten, den Mathematiker und den Finanzheini zum Beispiel, die werden es sicher schaffen. Der Turnlehrer aber, heute warum auch immer in Lederhose, wird es wahrscheinlich vergeigen, weil er es sicher zu schnell anlegt. Und dann gibt es noch zwei, mit denen zwar viele rechnen, die aber seit Tagen tiefstapeln: Der eine ist unser Navigator, der dank Handy und Solar-­Power-Pack als Einziger weiß, wo wir wann hinmüssen. Der andere bin ich.

Aber was schaffen? Und überhaupt:
Was soll die absurde Bestellung um diese Uhrzeit?

Wir, elf Freunde und ich, wollen die mehr oder weniger bekannte Wiener Seidel-Rallye absolvieren. Was das ist, muss man wahrscheinlich erklären: Auf das Wesentlichste runtergebrochen bedeutet es nichts anderes, als über den Tag verteilt 23 Seidel Bier zu trinken. Das mag im ersten Moment vielleicht ein bisschen eigenartig klingen, weil, zugegeben, 23 Seideln wirklich viel sind, aber je länger man darüber nachdenkt, desto idealer scheint es, sich damit einen goldbesonnten Oktober-Samstag zu vertreiben.

Einer von uns, der kleine Deutsche mit dem dauerroten Kopf, hat gejammert, dass er das mit Bier auf keinen Fall könne, aber trotzdem unbedingt dabei sein will. Sein Alternativvorschlag war zwar einigermaßen verwunderlich, ist uns aber auch recht – für ihn ist die Wodkamischung, mangels Alternativen muss er mit Apfel beginnen.

Doch getrunken werden die 23 Getränke natürlich nicht irgendwie und irgendwo, das wäre ja primitiv, sondern, das sagen die Regeln (und davon gibt es eine Menge), in jedem Bezirk Wiens eines davon. Und zwar von hinten nach vorne: also jetzt in Liesing, das zweite in Donaustadt, dann Floridsdorf, Brigittenau, Döbling und so weiter. Das dauert natürlich, alleine die Herumfahrerei mit Bus und Bahn. Also besser früh beginnen. Und wo kann man im 23. um diese Uhrzeit schön unauffällig trinken, wenn nicht in einem Einkaufszentrum?

Der Regelkatalog, nach dem wir uns heute richten, besteht aus zehn Punkten. Um zu verstehen, was gleich passiert, sollte man vielleicht diese drei davon kennen:

• Hat der Zweite ausgetrunken, wird ein Timer gestellt, der von fünf Minuten runterzählt – bis dahin muss jeder sein Bier ausgetrunken haben.

• Jause, Mittag- und Abendessen werden gemeinsam eingenommen. Aber nur, wenn zwei Drittel der Gruppe das auch wollen – andere Essenspausen sind nicht erlaubt.

• Wer kotzt, zahlt die nächste Runde.

Wären wir nicht hier, es wäre so still, dass man die Rolltreppe neben uns nach oben zuckeln hören würde. Aber so leise ist es nicht, weil die Kellnerin sich mit einem vollen Tablett anpirscht und wir, begeistert, wie wir sind, das mit lauten Ohhhhhs und Aaahhhhs goutieren. Kaum angestoßen, ziehen schon vier das erste Bier auf einen Zug runter. „Geh Burschen“, fragt einer, „wollen wir wirklich so anfangen?“ Anscheinend ja; der Timer läuft schon. Es ist das erste von 23, aber auch wenn es schnell angegangen wird, ist allen klar: Dieser Tag wird nichts anderes als ein langer Wettkampf. Und lange Wettkämpfe, das weiß jeder Hobbysportler, sind nicht nur für unseren Körper verdammt anstrengend, sondern fordern auch unseren Geist. Irgendwann heute, wenn der Magen voller, die Gespräche sinnloser und die Zunge immer belegter wird, wird man es wirklich wollen müssen. 

+++ Noch 22 +++

Also: erstmal raus, Sonnenbrille auf. Die U-Bahn ist gleich die Rolltreppe runter, das ist ja schon mal was, da muss man dem Navigator, der die Lokalauswahl getroffen hat, gratulieren. Er war es auch, mit dem ich, seit der Termin stand, den heutigen Tag komplett zerredet habe. Wir haben Zweifel, ob das zu schaffen ist, große Zweifel. Aber das müssen wir jetzt irgendwie ausblenden. Irgendwo habe ich nämlich mal gelesen: „Wer Angst hervorrufende Fragen stellt, der bekommt auch Angst hervorrufende Antworten, die dich davon abhalten, ins Handeln zu kommen.“ Wenn ich das also durchziehen will, bleibt mir nach dieser Theorie nichts anderes übrig, als alle Gedanken zu verbannen, die behaupten, ich könne keine 23 Seidel Bier trinken.

Das erste jedenfalls – und das ist die gute Nachricht – schmeckte nach ein, zwei mühsamen Schlucken zu Beginn überraschend gut. Ich könnte mir jetzt schon sehr gut vorstellen, gleich noch eines zu trinken. Vor allem deshalb, weil so ein Seidel, also 0,3 Liter, eine provokante Menge ist. Davon abgesehen löschen 0,3 Liter selten großen Durst, sie machen eher durstiger. Kein Wunder also, dass so gut wie niemand nach einem aufsteht und geht. 

Eine Dreiviertelstunde später kommen wir endlich am Kagraner Platz im 22. an. Schnell eile ich über den Schottergastgarten rein aufs Klo. Will man nicht unter Druck gesetzt werden, muss man heute aufpassen. Aber der Zapfer ist flott und als ich zurückkomme, hält mir der Versicherungsvertreter mit einem spöttischen Grinsen sein Handy unter die Nase: 4:21, 4:20, 4:19, 4:18… Nichts, was einen im 22. Bezirk vor ernsthafte Probleme stellt. Aber es ist eine Vorwarnung. In ein paar Stunden sollte ich das versuchen zu verhindern. 

Wir werden auf unserer Reise bis jetzt überall freundlich empfangen: Im 21. Bezirk trinken wir im Café KlimBim, wo wir vom ganzen Lokal, also von der Bedienung und zwei Gästen, gelobt werden. Wir sind heute nicht die erste Gruppe. Danach auf einen Sprung ins Café Victoria, ins Fischerbräu und ins Centimeter. Viel länger als zehn Minuten bleiben wir meistens nicht. Weil vier nach wie vor finden, dass sie ihre Gläser nur absetzen, wenn sie leer sind, und die Lokale, in die wir gehen, auch normalerweise primär Gäste haben, die mehr Wert darauf legen, wenn Biere schnell serviert werden. 

+++ Noch 17 +++

„Wenn uns etwas anlacht, werden wir spontan sein müssen ;-)“, stand unter der Lokalliste in unserer Facebook-Gruppe. Das Lachen des Café Pub Weinhold, gleich um die Ecke vom Sportclub-Platz im 17., ist herb und riecht ein bisschen. Aber so muss das sein, glauben wir.

Zur Flüssigkeit stieg bei uns auch die Lautstärke exponentiell. Keine ­Chance also für den Mann, der jetzt, um kurz nach zwölf, seinen Kopf auf der Bar ausruhte, weiterzudösen. Das Sympathische an solchen Lokalen ist ja, dass einem so etwas meistens nicht übel genommen wird. Auch der Mann war nicht böse – im Gegenteil: Er und die Kellnerin waren ganz aufgeregt, so viele Gäste auf einmal, huiuiui. 

In einem Raum zwischen dauerblinkenden Dartautomaten und einer Trivial Pursuit Genus Edition 1995 die erste Hiobsbotschaft: zu wenig Seidel-Gläser. Der Kellnerin tut es leid. Was tun? Nacheinander trinken? Einfach weniger in die großen, sagt der Kameramann, und man merkt, nach sieben kleinen Bieren fühlt er sich mit dieser Idee schon ein bisschen so wie MacGyver. Vor dem Gehen formieren wir uns für ein Gruppenfoto. In der Mitte die strahlende Kellnerin, rundherum wir. Das so entstandene Foto gefällt uns gut, vor allem weil am rechten Bildrand einer mit der fremden Dame, die sich
an eine Flasche Wieselburger klammert, anbandelt.

Spätestens jetzt merken alle, dass das kein normaler Samstagvormittag ist. Der Turnlehrer, wie erwartet einer der Exer, beginnt sich mit mehrsilbigen Wörtern schwerzutun, beim Navigator wandert das Handy mit Google Maps nach jedem Schluck näher zum Gesicht, und überhaupt: Wenn wir kommen, machen die Leute in der Straßenbahn freiwillig Platz. Sonst läuft es überraschend gut. 

+++ Noch 13 +++

Natürlich hat das Seidel irgendwann auch gebräuchliche Zeiteinheiten abgelöst: „Essenspause in zwei Seideln?“, fragte einer vorhin. Die meisten waren dagegen. Meine Sorge war sofort, dass sich eine Allianz der Fitten gebildet hat, die versucht, die Essenspause so lange es geht hinauszuzögern. Ich fühlte mich zwar auch noch frisch, aber innerhalb eines bestimmten Pegels, das weiß ich, macht mir Essen keine Freude. 

Dementsprechend lustlos sitze ich jetzt in einem recht schönen Gastgarten in Hietzing (13. Bezirk) vor meinem Schnitzel. Aber ich will nicht nur nicht essen, sondern habe überhaupt einen Durchhänger. Der kam ganz plötzlich. Ich bin zwar nicht übertrieben angetrunken, aber ich werde von Minute zu Minute müder. Der Mathematiker faselt irgendwas von Borussia Dortmund, ich flüchte auf die Toilette. Aber auch das kalte Wasser in meinem Gesicht hilft nicht, der Körper bleibt träge. Aber ich bin damit scheinbar nicht allein: Als ich zurückkomme, sehe ich nur den Turnlehrer, wie er heimlich sein Schnitzel mit der Hand zerreißt, statt es zu schneiden. 

Im 12. Bezirk besuchen uns ein paar Freunde, die bei unserem Kulturwochenende, wie der Versicherungsvertreter die Seidel-Rallye bei Fremden verkauft, zwar nicht dabei sein wollten, aber schon ein bissi sensationsgeil sind. Es ist Abend geworden, und in der Schummrigkeit des 10. Bezirks ist das Lokal, in das wir wollen, nicht auffindbar. Also rein in ein Tschocherl, das von außen so aussieht, als würde man hier nur mit einem Messer im Rücken wieder rauskommen. Aber drinnen ist die Stimmung sensationell – der Chef hat Geburtstag. Neben uns wird zur Feier des Tages eine Flasche Sekt entkorkt, wir sollen jetzt in Deckung gehen, weil Vorsicht, gleich rummst’s! Rechts auf der Bar steht ein kleines, selbst gebasteltes Schnaps-Glücksrad. Einmal drehen kostet einen Euro. 

Man muss schon ziemlich dumm (oder angetrunken) sein, während einer Seidel-Rallye zu drehen. Aber eine der Regeln ist: Wenn dir der Wirt etwas gratis anbietet, darfst du es nicht ausschlagen. Glücklicherweise habe ich mich wieder erholt, dass ich aber jetzt zwei Jägermeister gewinne, passt mir nicht in den Spielplan. Ich spüle mit Bier nach und verlasse die Bar. Draußen lümmeln ein paar hockend auf ihren eigenen Knien. Spätestens jetzt beginnen
wir den Korridor jeglicher Vernunft auszureizen. Aber aufgeben? So weit ist auch noch niemand. 

+++ Noch 5 +++

Dass sich auch der Turnlehrer noch einmal erfängt, hätte zwar niemand gedacht, aber er ist es, der uns im 5. Bezirk in eine Seitengasse führt, in ein Lokal mit Regenbogenfahne an der Fassade. Ich wandle über ein paar Stufen in das Lokal. Vor meine Augen hat sich schon vor ein paar Bezirken so ein Schleier gelegt, der so aussieht wie die Einstellung „Fade“ in Foto-Apps. Alles so blass plötzlich. Ich stolpere über die letzte Stufe und segle zur Bar, wo ich mich gerade noch abfangen kann. Der Turnlehrer lacht, er kennt das von vorhin. Eigentlich kann ich nicht mehr. Und wenn ich mich so umschaue, bin ich nicht der Einzige, der das Ende herbeisehnt.

Ich stehe unter der hellen Beleuchtung einer Neonröhre, fixiere das Bier und beobachte die Kohlensäure, wie sie im Glas nach oben steigt. Ich will nicht mehr sprechen, nichts mehr hören, nicht von den anderen und auch nicht von dem hinter der Bar, der jeden einzelnen Satz mit „soso“ beginnt. Aber da war er schon, der nächste abenteuerliche Satz: „Das ist aber eines der besten bis jetzt“, sagt der Navigator und trinkt vergnügt vor sich hin. Auch wenn ich daran zweifle, so etwas nach 18 kleinen Bieren absichtlich zu sagen, für mich fühlt es sich an wie Psychoterror. Aber wenn er kann, werde ich doch auch noch können, oder? Von unten starrt mich eine weiß-schwarze Französische Bulldogge an, die ich beim Reingehen fast zusammengetreten hätte. Ich beginne zu trinken: erster Schluck, noch ein Schluck, Schluck, Schluck. Daneben läuft schon der Timer: 3:24, 3:23, 3:22 …

Beim Stammbeisl um die Ecke habe ich Schwierigkeiten, die Bestellung aufzugeben. Nach „Seidel“ muss ich vor dem „bitte“ ganz tief Luft holen. Währenddessen sprechen der Finanzheini und der Mathematiker über irgendwelche Devisen oder Swaps. Es ist kaum zu glauben, aber die zwei
sehen noch hervorragend aus. Wenigstens ist die Überheblichkeit der vier Exer irgendwann gewichen. Kleinlaut klemmen sie sich hinter ihre Gläser und trinken wie normale Menschen. 

Und dann ist es tatsächlich so weit: Irgendwo zwischen Margareten und der Leo­poldstadt, da fehlt mir die Übersicht, gehen die Ersten verloren oder brechen ab: einer der Dipl.-Ing.s, der Student mit dem Jutebeutel, der Kameramann, der Summer-Splash-Animateur und – nach ca. 20 Wodkamischungen – auch der tapfere Deutsche.

Es ist spät geworden und im Versuch, das Ende zu beschleunigen, verlieren auch wir, die letzten sieben, uns auf dem Weg vom dritten in den zweiten Bezirk. Samt Zaungästen hätten wir eigentlich zwei Taxis gebraucht. Wir fahren aber mit drei. Man muss das nicht verstehen, aber so ein kleines Blackout kann nach über 13 Stunden schon mal vorkommen. Mangels klarer Ansagen landen wir jedenfalls alle woanders. Gemeinsam mit dem bis jetzt eher unauffälligen Biologiestudenten gehe ich zum einzigen Lokal, das ich in diesem Zustand noch zielsicher finde – ein Kultur­café. Wir tun allen Anwesenden den Gefallen und trinken, so schnell wir noch können. Nur der Seidelpass, also das Papier mit den 23 Kästen, die, damit man sich Champion nennen darf, am Ende alle von den Lokalen vollgestempelt sein müssen, kommt nicht so gut an. Es braucht ein bisschen Überzeugungsarbeit, bis der Stempel dort ist, wo wir ihn uns verdient haben.

+++ Das letzte kleine Bier +++

Hinaus in die kühle Nacht und so schnell es geht hinein in die letzte Bar. Aber auch wenn die Füße weh tun und sich der Kopf anfühlt wie ein Vakuum – in den 15 Minuten Fußweg beginnt mein Körper scheinbar schon mit einer ersten Regenerationsphase. Ich habe keine Ahnung, wie das geht, wie man sich gleichzeitig so gut und so hundsmiserabel fühlen kann. Aber ich spüre, dass der Rest, das letzte, jetzt nur noch Form­sache ist. 

Wenn wir verloren gehen, haben wir ausgemacht, treffen wir uns im einzigen Club der Innenstadt, in dem wir nach 23 kleinen Bieren noch die reale Chance haben reinzukommen. Ein paar Meter daneben ist eine Bar, die dort dazugehört. Es wird zu DJ Ötzi geschunkelt, ich sitze auf dem hölzernen Barhocker und freue mich, hier zu sein. Tatsächlich, nur noch das eine, kaum zu glauben – ich kann das Grinsen nicht unterdrücken. Mein Telefon blinkt, einer der anderen, „Stör mich jetzt nicht“, mach ich es kurz, „wir kommen gleich“. 

Heute haben wir die körpereigenen Belastungsgrenzen übersprungen, unterkrochen, ausgetrickst. Ich bin heute gestorben und wiederauferstanden – mehrmals sogar. Die Zweifel zu verdrängen, zuversichtlich zu bleiben, ist nicht so einfach, wenn man eigentlich keine Kraft mehr hat. Aber warum aufhören, wenn man schon so weit gekommen ist? Eben. 

Der Kellner zielt mit dem Stempel auf das letzte freie Feld auf dem Seidelpass. 

Rrrrtttschhhh. 

Beim Rausgehen schaue ich stolz auf das körperwarme, zerknitterte Stück Papier. 23 Felder, 23 Stempel. Diese Schönheit von Vollkommenheit. Was für ein Gefühl, was für ein Tag.