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Margot Landl wird manchmal vorgeworfen, sie würde sich nichts sagen lassen. Stimmt nicht, sagt sie, und versucht in ihrem absoluten Fachgebiet bedingungslos auf andere zu hören.

Eine Schachpartie zeichnet sich eigentlich dadurch aus, dass zwei Leute (und nur zwei) ihre geistigen Kräfte auf 64 Feldern messen. Sich während einer Partie von Trainer, Vereinskollegen oder Computer Rat einzuholen, ist dabei je nach Situation eine höfliche Zurechtweisung oder eine mehrjährige Turniersperre wert. Ein guter Rat im richtigen Moment kann einem der Kontrahenten schließlich den entscheidenden Vorteil verschaffen.

Allerdings wollen Schachspieler oft auch gar nicht beraten werden, also nicht während eines Spiels. Abgesehen davon, dass es nämlich höchst unsportlich ist, betrachten viele Schachspieler ihre Partien wie kleine Kunstwerke. Es ist ihre Partie, ihre Leistung, in ihrem Stil und im besten Fall von Anfang bis Ende aus einem Guss (und ein Sieg). Geht es nicht um viel Preisgeld (und darum geht es beim Schach selten), lassen sich die meisten Schachspieler ungern in ihr Werk hineinpfuschen.

Eigentlich dumm. Man könnte schließlich um einiges erfolgreicher sein und dabei viel lernen, würde man manchmal auf bessere Spieler hören. Deshalb habe ich mir für heute drei Berater engagiert. Sie sollen mir helfen, eine virtuelle Blitzpartie zu gewinnen, und ich werde dabei bedingungslos alle ihre Ratschläge befolgen. Da die Partie im Internet gespielt wird, sieht mein Gegner lediglich mein Benutzerprofil auf der Plattform: jung, weiblich, mittlere Spielstärke. Dass hinter dem Computer drei weitere Drahtzieher sitzen (nur noch teilweise jung, männlich, überdurchschnittliche Spielstärke), weiß mein Gegner nicht. 

Wenn man das Glück hat, mehrere Berater haben zu können, ist es von Vorteil, sich Spezialisten für unterschiedliche Fachgebiete zu suchen. Der erste meiner Berater ist schon etwas älter und sehr erfahren. Er kann Gegner gut einschätzen und hat in seinen Partien schon viele unterschiedliche Pläne umgesetzt. Der zweite ist meine Rechenmaschine: Er ist dafür bekannt, die möglichen Folgen seiner Züge sehr exakt vorauszusehen, und das immer einen Schritt weiter als sein Gegner. Der dritte schließlich ist ein Endspielexperte, für die Phase der Partie, in der nicht mehr viele Figuren am Brett sind. Ist eine Stellung objektiv gewonnen, so führt er sie technisch perfekt auch wirklich zum Gewinn.

Fünf Minuten, die Zeit beginnt zu laufen. Ich habe Weiß. Schnell einigt man sich abseits persönlicher Vorlieben auf die Eröffnung, die ich immer spiele. Hat sich der Gegner ein bisschen über mich informiert, würde er sonst ziemlich bald Verdacht schöpfen.

Der sechste Zug, wieder mehrere Möglichkeiten. Berater 1, der mich am besten kennt, schlägt eine Variante vor, die sich in meinem Repertoire befindet und den Gegner unvorbereitet erwischen könnte. Allgemeine Zustimmung.

Der Gegner reagiert anders als erwartet. Zur Frage, wie es weitergehen soll, gibt es verschiedene Ansätze. Mich juckt es in den Fingern, ich würde schon gerne mit einem Bauern nach vorne preschen. Aber ich habe nichts mitzureden.

Juhu, ich darf! Für den zweiten Bauern in Richtung König gibt es aber nur ein beschränktes Go, ein Feld statt zwei, dann ist Schluss. Ich wäre zu stürmisch, erklärt mir Berater 1. Würde ich noch nicht so viel von mir preisgeben, würde der Gegner vielleicht die falsche Strategie wählen. Ich verstehe diese Logik nicht: Wenn mein Gegner auch nur abwartet, wie soll dann jemals eine vernünftige Partie entstehen? Aber ich reiße mich zusammen. Die Eröffnung ist noch nicht einmal abgeschlossen und mein Puls schon in der Höhe. Das kann so nicht weitergehen. Ich atme tief durch und versuche, das Gute an dieser Vorsicht zu sehen.

Mit den nächsten Zügen kann ich mich dagegen anfreunden. Sie erscheinen mir als logische Entwicklungszüge, und was ich verstehe, dem folge ich auch gerne. Zufrieden führe ich aus, ohne viel selbst nachzudenken. Alles läuft.

Bis zu dem Springerzug auf das Feld h4. Was soll das? Falscher Flügel, falsche Figur und überhaupt ein sinnloser Ausflug, wenn man mich fragt. 

Aber es fragt mich keiner. Berater 1 spürt zumindest mein Unverständnis und erklärt, es gäbe noch keinen Plan, wir müssten abwarten, was der Gegner macht. Er hat eine Allianz mit Berater 3 gebildet und Berater 2 überstimmt. Der ist nämlich auch der Meinung, der Zug sei Blödsinn. 

Abwarten ist was für Loser.

Mittlerweile ist der Springer wieder zurück dort, wo er hergekommen ist. Dafür hat der Gegner zwei Züge gewonnen. Er hat sich geschwächt, sagt Berater 3. Dafür stehen seine Bauern jetzt nahe genug an meinem König, um mir Angst einzujagen. Mir macht meine Partie schon jetzt keinen Spaß mehr. Ich gebe meinen Namen dafür her, Team Landl, aber was hat das noch mit mir zu tun? Wie viel Margot ist das noch?

Unser – mein – Gegner überlegt eine halbe Minute. Ziemlich lang dafür, dass auch er für die ganze Partie nur fünf Minuten Zeit hat. Vielleicht hat er auch einen herumstreitenden Beraterstab im Genick. Ich grüble. Wie unsportlich ist das, was ich da mache? Nütze ich einfach eine Möglichkeit, von der andere keinen Gebrauch machen? Oder gebe ich einfach Ideen als meine aus, die nicht meine sind? Schummle ich mich besser, als ich bin?

Der Zug des Gegners reißt mich aus meinen Gedanken. Er ist gut, etwas ist bei uns schiefgegangen. Berater 2 erörtert seinen Plan der Gegenattacke. Wenig Begeisterung bei Berater 1 und Berater 3, aber auch ihnen fällt nichts Besseres ein. Resignation auf meiner Seite. Sollen sie doch machen, was sie wollen. Hätte ich alleine gespielt, wäre das alles so nicht passiert.

Die Gegenattacke hat Erfolg, wir haben Initiative. Der gegnerische König steht ein bisschen blöd in der Brettmitte herum, ohne Schutz, ein gutes Ziel. Ich bin einigermaßen besänftigt und akzeptiere die Partie wieder als meine eigene. 

Zug Nummer 25, meine Stellung ist gut. Der Gegner muss ständig aufpassen, links oder rechts keine Schlupflöcher zu bieten. Alle Figuren stehen optimal, bis auf eine. Diese noch in Position bringen – dann ist es Zeit. Ich bin voll dabei, lasse mich mitreißen von allgemeiner Euphorie.

Es war noch nicht Zeit. Berater 2 flucht, Berater 1 greift sich an die Stirn. Einmal kurz nicht aufgepasst, schon zu siegessicher gewesen. Einen Zug des Gegners übersehen und plötzlich sieht es düster aus. Berater 3 will aufgeben. Die anderen beiden fragen ihn, ob er ein bisschen spinnt. Ich auch. Aufgeben kann ich schließlich selbst. Aber vorwerfen kann ich meinen Beratern in diesem Fall nichts. Ich habe den Zug auch selbst einfach verpasst. 

Ab jetzt ist die Linie klar: Es wird auf Trick gespielt. Grundsätzlich ist unsere Position ziemlich mies, aber aufpassen muss der Gegner trotzdem. Einen Moment lang bietet sich die Gelegenheit auf ein Remis. Zwei meiner Berater wollen annehmen. Doch hier darf ich ein Veto einlegen: Dafür wurdet ihr nicht engagiert! 

Groß gewordene Augen, die mich ansehen, Berater 3 holt aus: DU willst etwas von UNS, vergiss das nicht! WIR haben nichts von der ganzen Sache! Und wenn WIR Remis machen wollen, dann machen WIR das! Ich bin kurz davor, die Nerven zu verlieren. Wieso bin ich jetzt nicht mehr Teil des WIR? Gibt es ein WIR nur, solange alles gut läuft? Läuft es schlecht, ist alles plötzlich mein Problem? Außerdem stimmt es nicht, dass sonst keiner was davon hat. Weil ich nicht so naiv war, zu glauben, die Befriedigung, gute Ratschläge geben zu können, wäre für meine Berater ausreichend, habe ich eine Kiste Bier eingekühlt und für jeden eine Pizza bestellt. E gibt also Belohnung, aber erst für getane Arbeit, ihr Arbeitsverweigerer! Und überhaupt: GLAUBT IHR, MIR MACHT DAS SPASS HIER???

Objektiv ist unsere Stellung reif zur Aufgabe. Das Pulver ist verschossen, unsere Zeit fast abgelaufen. Ein Strohfeuer nach dem anderen brennt ab, ich werde langsam müde, stelle mir die Wofür-das-alles-Frage, während ich unsere kaputte Stellung betrachte, und sehne mich nach einem Bier. Allgemeine Hoffnungslosigkeit. Nur Berater 1 glaubt noch fest daran, dass der Gegner die Nerven verlieren wird.

Und er verliert sie. Vier ungläubige Augenpaare starren auf das Brett. Meine Berater, weil sie schon konzentriert Mattvarianten berechnen. Ich, weil ich zwar nicht so gut rechnen kann, aber instinktiv zumindest spüre, dass dieser Zug böse Folgen haben wird. Die Depression ist Euphorie gewichen, jeder Zwist ist vergessen. Es gibt wieder ein gemeinsames Ziel.

Jetzt geht alles ganz schnell. Harmonische Einigkeit über die letzten paar Hinrichtungszüge, nach denen der Gegner die Waffen streckt. 1 : 0 blinkt am Bildschirm auf, Gratulation, Sie haben gewonnen! Und alle haben wir gewonnen, unter meiner Führung, so fühlt es sich zumindest an. Dabei habe ich doch eigentlich gar nichts gemacht.