wie_fuehlt_es_sich_an4.jpg
 

Sebastian Kurz ist einer, den die Menschen treffen, sehen, fotografieren wollen. Martina Bachler wollte wissen, wie es ist, wenn einem alle Herzen zufliegen. Und ging deswegen in ein Haus mit vielen Tieren. 

Wo ich reinwill, will gleichzeitig etwas raus, und das offenbar dringend. Nicht dass der Widerstand so gigantisch wäre, mit etwas mehr Drücken ließe sich die Türe bestimmt schnell öffnen, nur liefe mir dann meine Geschichte davon. Mit jedem Zentimeter, den ich die Türe nach innen bewege, steigt in Bodennähe schließlich die Aufregung. Wild wedelnde Schwänze schlagen gegen das Holz, neugierige Schnauzen schieben sich in den offenen Spalt. Ich drängle meinen Fuß hinein und merke: Ich hab nicht mitgedacht. Mein nackter Unterschenkel ist jetzt nass. 

Wahrscheinlich sollte man Orte, an denen man zur Begrüßung abgeschleckt wird, umgehend wieder verlassen. An jedem anderen Abend würde ich das, ohne zu zögern, tun, für diesen aber hab ich mir vorgenommen, auch einmal wie Sebastian Kurz zu sein. Jemand zum Angreifen. Jemand, der vermittelt, dass man sich bei ihm verstanden fühlen kann und so aufgehoben und vertraut, dass es kein Problem ist, auch körperlich ein bisschen näher zu rücken. Mit Zungen und Schnauzen? Von mir aus.

Von mir aus. Das ist ein ziemlich schnell hingesagter Satz für jemanden, der zwar nicht gleich in Panik verfällt, wenn es mal irgendwo eng wird, aber ganz sicher kein erhöhtes Bedürfnis nach Körperlichkeit hat. Als ich mal zwei Jahre in der französischen Schweiz lebte, scheiterte meine Integration regelmäßig am dort üblichen Begrüßungsritual. Als hätte sich mein Gegenüber in den Leibhaftigen verwandelt, zuckte ich jedes Mal zusammen, wenn auf Bussi links und Bussi rechts noch ein Bussi links folgen sollte. Alles, was eine gewisse Nähe erfordert, nicht meine engsten Vertrauten betrifft und über höfliche Mindeststandards wie Händeschütteln hinausgeht, ist einfach nicht mein Ding. Zwischen 17 und 22, also in einem Alter, in dem Sebastian Kurz schon die Kanzlerschaft plante, wollte ich das auf die Spitze treiben, wollte besonders geheimnisvoll, besonders unnahbar und dadurch besonders interessant werden. Weder das eine noch das andere hat geklappt, übrig blieb die Kombination distanziert, aber uninteressant, also der Negativcheckpot, wenn es darum geht, anderen das Gefühl zu geben, man kümmere sich um sie. 

Dem elfenbeinfarbenen Cockerspaniel, der mit seinen langen Ohren gerade meinen nassen Unterschenkel trocken flauscht, ist das egal. Er heißt Kasimir, hat leicht rot unterlaufene Augen, eine sehr große, sehr rosa Zunge und ist nicht mehr der Jüngste. Sein Asthma trägt er mit Würde, sein Röcheln erschreckt mich nur beim ersten Mal. Routiniert beschnuppert Kasimir meine Hände, die ihm aber nichts Neues mehr über die Welt verraten. Er dreht sich weg und kuschelt sich lieber wieder an Sonja.

Sonja hat mich eingeladen. Gemeinsam mit ihrem Mann und ihren zwei Kindern wohnt sie in einem Haus in Wien-Floridsdorf, das momentan auch acht Hunden und über zehn Katzen ein Zuhause ist, weil Sonja und Richard Friesinger in ihrer Freizeit den Verein „die Pfotenretter“ betreiben. Sie nehmen Hunde und Katzen auf, die sich in Not befinden, kümmern sich um Ärzte, Impfungen und alles Behördliche und vermitteln sie dann an Menschen, die Tiere ebenso sehr lieben wie sie selbst. 

Kasimir aber gehört zur Familie, und das gilt auch für Coki, der mit tiefschwarzen Augen kurz mein Einverständnis sucht, bevor er sich über meine Schuhe hermacht. Weil seine langen Ohren beim Trinken ins Wasser getaucht sind, werden schon wieder meine Waden nass. Cockerspaniel würden also Strohhalme brauchen. Wäre ich Politikerin, stünde das sofort in meinem Programm. 

Wie ist das bei Sebastian Kurz, dem Großmeister der Selfies mit den Massen? Riecht er den Rausch, wenn ihn auf seiner Tour ein aufgeregter Jungjurist umarmt und schon vier Bier intus hat, weil die Show davor einfach zu super war? Kann er an den Parfums erkennen, ob er sich gerade in Wien 19 oder in Sankt Pölten befindet? Fürchtet er Fettflecken, wenn einer beim Warten aufs Foto noch schnell einen Bauernkrapfen verdrückt? Spürt er noch, wie wahnsinnig feucht Hände sein können? Wie oft klaubt er sich Haare vom Sakko? Hat ihn schon mal jemand bei der Foto-Op gekitzelt? Oder ihn ins Ohr gebissen, weil er einfach nicht widerstehen konnte? 

Polly jedenfalls interessiert sich nicht für meine Ohren, sondern für meine Oberschenkel. Als wollte sie meine Jeans bügeln, streift sie mit ihrer langen Schäfermischlingsschnauze auf und ab. Polly heißt eigentlich Poly, was für Polytraumata steht. Bevor sie nach Österreich kam, hatte sie es nicht immer leicht, und zur Begrüßung wurde sie dann auch noch von einem Auto erfasst. Die rechte Vorderpfote ist immer noch ein bisschen steif. Jene von Prinz ist sogar noch verbunden, eine Folge von zahlreichen Operationen, die leider nötig waren. Mit nur drei Beinen läuft er auf mich zu, richtet sich auf, legt seine Vorderpfoten auf meine Brust und schaut mich aufgeregt an. Weil ich ein bisschen zurückweiche, muss er mehr Gewicht in die Vorderpfoten verlagern, er drückt mich weiter nach hinten.

Wären die Bodyguards von Sebastian Kurz schon eingeschritten? 

Noch bevor ich reagieren kann, geht Prinz wieder zu Boden, beschnuppert meine Schuhe und, natürlich, schleckt meine Waden ab. Waden dürften bei Hunden irgendwie ein Ding sein. Waden, als Politiker sollte man mal ein bisschen länger über Waden nachdenken.

Den Platz an meinen Schuhen übernehmen jetzt die beiden Dackelbabys Rudolfina und Pia. Ihre Mutter Lisa schaut mich nur entschuldigend an, sie will sich ganz offenbar nicht aufdrängen. Eine wie ich, denke ich kurz, aber ich bin jetzt ja Sebastian Kurz, nahbar und am liebsten mittendrin, also setze ich mich hin und schau, was passiert. Prinz schnüffelt meine Schulter ab, Polly beschnüffelt Prinz, schlägt mit ihrem Schwanz aber auf meine Unterarme. Coki und Kasimir reiben sich aneinander und an meinen Rücken, die Dackelbabys stecken ihre Schnauzen unter meinen Hosenbund, während die schüchterne Elli sich das Geknäuel mit Abstand anschaut. 

Ich wünsche mir vier weitere Hände, um mit dem Streicheln nachzukommen, man will ja auch etwas zurückgeben, und wenn sich so ein Hundenacken unter die Hand reinschiebt, weiß man einfach, was zu tun ist. Weiß das Sebastian Kurz auch?