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In der slowakischen Hauptstadt geht es mitunter wild zu. Mathias Zojer hat sie besucht und versucht, sich gut zu benehmen, während alle um ihn ausflippen.

Die eine Stunde Freibier ging nicht unbemerkt an unserer Gruppe vorbei. Gegen Ende konnte sich dann nicht einmal mehr AC/DC in voller Lautstärke gegen das Lärmniveau in der geräumigen Keller­bar durchsetzen. Die knapp 60 Teilnehmer des Pub Crawls versammeln sich jetzt vor der Rock OK Bar nahe dem Donauufer in Bratislava, um den offiziellen Teil dieser Beisltour einzuleiten. Simona, die junge slowakische Leiterin des Pub Crawls, hat allerdings Probleme, die Aufmerksamkeit der zum Großteil bereits stark alkoholisierten Menge zu gewinnen. Von deren Zustand bin ich weit entfernt, ich habe es bei nur einem Willkommens-Bier belassen. Ich bin auch nicht zum Feiern hier. Ich möchte erfahren, wie es sich anfühlt, für Österreich im Ausland eine gute Figur zu machen. Wie es ist, sich betont korrekt und anständig, höflich und gesittet zu verhalten, als ob das Ansehen der Nation davon abhängt. 

Da ich nur eine Nacht Zeit habe, will ich es mir durch meine Umgebung möglichst schwer machen, souverän zu bleiben. Deshalb Bratislava. Die slowakische Hauptstadt ist ein beliebtes Ziel bei feiermotivierten Touristen, was bei einem Bierpreis von 1,30 Euro und der guten Erreichbarkeit mit Bus, Zug und Billigflügen nicht verwundert. Partyslava nennt man die Stadt deswegen. Oder Gratislava. Ziemlich sicher bin ich der Einzige, der an diesem Samstagabend geplanterweise halbwegs nüchtern und anständig bleiben wird. 

Jeden Tag zwischen halb zehn und halb elf Uhr abends übernimmt das Team vom Bratislava Pub Crawl das Kommando in der Rock OK Bar. Mit 14 Euro ist man dabei, inkludiert ist neben einer Stunde Freibier auch der Eintrittspreis für drei Clubs und auf Wunsch jederzeit ein gezielter Schuss aus der mit einer Wodkamischung betankten Supersoaker, die eine Slowakin aus dem Begleittross stets geladen und auf Maximaldruck gepumpt parat hält. Sie wirkt wie die Leibwächterin von Simona, der Organisatorin der Saufrunde, wenn sie mit ihrer Waffe im Anschlag vor der Parkbank steht, auf der Simona vergeblich springt, ruft und winkt. Endlich gelingt es den beiden, sich gegen das Stimmengewirr der Teilnehmer durchzusetzen.

 „Alright guys! Are you ready for some drinking?“ Begeistertes Johlen. Jetzt ruft Simona die nationalen Delegationen einzeln auf. „Who’s here from Italy?“ Eine Männergruppe grölt. „Alright. Anybody here from Germany?“ So geht es weiter, bis beinahe alle OSZE-Mitgliedsstaaten abgehandelt worden sind. Chris, der mir bereits wegen seiner übertrieben guten Laune und der exzentrischen Pferdeschwanz-Glatzen-Kombination aufgefallen ist, versagt kläglich dabei, mit seinem „USA! USA!“-­Mantra die Menge anzustecken.

Die Spanier versäumen ihren ersten Aufruf, sie urinieren wenige Meter abseits der Versammlung in Halbkreisformation in ein Gebüsch. Ich beneide sie ein wenig, da auch ich vergessen hatte, meinem Blasendruck im Lokal noch Abhilfe zu verschaffen. Aber ich bin auf meine Manieren bedacht und übe bereits innerlich mein staatstragendes Aufzeigen und das bescheidene, aber entschlossene „Yes!“, das ich Chris, Simona und der Welt beim Aufruf meines Landes entgegenhalten will. Doch ein diplomatischer Fauxpas aufseiten der Gastgeber verhindert dies. Simona vergisst einfach darauf, Österreich aufzurufen. 

Persönlich ist mir das egal, aber die kollektive Verantwortung, die ich mir heute für mein Land einbilde, macht sich durchaus in einer leichten Kränkung bemerkbar. Österreich spielt beim Trinken eindeutig in der Oberliga, derzeit belegen wir Platz 35 von 194 WHO-Mitgliedern, was den Pro-Kopf-Alkoholkonsum angeht – damit liegen wir weit vor Spanien oder Italien, den USA sowieso. Ganz zu schweigen davon, dass wir ein direktes Nachbarland der Gastgebernation sind ...

Nach der Eröffnungsrede setzt sich die Traube langsam, sehr langsam in Bewegung. Nun verstehe ich den englischsprachigen Begriff „Pub Crawl“, denn vom „Pub Run“ oder auch nur „Pub Walk“ zu sprechen, wäre eindeutig übertrieben. Simona erzählt mir, während wir das dritte Mal zusammenwarten, dass dies heute ihr erster Pub Crawl in leitender Position sei, also verzeihe ich ihr die vergessene Ehr­erbietung gegenüber Österreich. Wir halten bei einem Bankomaten, die einen heben Geld ab, die anderen werden an der Supersoaker gelabt. Die britische Männerrunde dürfte derzeit den höchsten Durchschnitts­alkoholisierungsgrad aller vertretenen Nationen aufweisen. Sie feiern eindeutig eine Stag-Party, erkennbar an den identischen, selbstbedruckten T-Shirts, in diesem Fall einer semioriginellen Anspielung auf „Game of Thrones“ samt dem Slogan „Marriage is Coming“. 

Hier in Bratislava gibt es eine recht fortgeschrittene Stag-Party-Industrie. Mehrere Unternehmen konkurrieren um die zahlungskräftige westeuropäische Kundschaft und bieten individuell zusammenstellbare Pakete an, die einen beeindruckenden Katalog an testosteronschwangeren Aktivitäten aufweisen. Zombie-Lasertag oder eine Abrissfahrt mit dem Panzer sind die i-Tüpfelchen auf dem auf Alkohol und Frauen in sämtlichen Variationen fokussierten Programm. Dan, der Trauzeuge, erzählt mir mit einem von Wodka Orange triefenden Gesicht, wie die Freunde am Vorabend Sushi vom nackten Körper einer Stripperin gegessen hätten. Er legt Wert auf die Feststellung, dass die Qualität des Fischs im Vergleich zu der der Stripperin unterdurchschnittlich war. 

Manchmal ist es bei internationalen Abenden verdammt schwer, die Contenance zu bewahren – und sich nicht ebenfalls hemmungslos zu besaufen. 

Also gönne ich mir eine kleine Auszeit von meinen Gefährten. Im vollen Wissen, gegen das Motto der Beisltour „Divided we fall, together we crawl“ zu verstoßen, spaziere ich allein durch die Altstadt Bratislavas. Die ist eigentlich wunderschön, mittelalterlich und pflastersteinern, doch aus einem unerfindlichen Grund hat man sich eingebildet, ein dicker grüner Laserstrahl in drei Metern Höhe, parallel zur Straße verlaufend, sei genau die atmosphärische Abendbeleuchtung, die der Stadt schon immer fehlte. 

Ich werde von mehreren Stripclub-Promotern angesprochen, deren Angebote – 16 Euro Eintritt, „all you can drink“ – ich allerdings höflich abschlage. Für eine Fußgängerzone in der Altstadt gibt es in Bratislava eine erstaunlich hohe Stripclub-Dichte. Stripclubs und Bars mit „Rock“ im Namen. An der Wand des „Barrock“ prangt stolz eine Kundenrezension von „TripAdvisor“, die besagt, dass es sich um die „hottest, most sexist and sexiest“ Bar der Stadt handelt. Das klingt nach einem perfekten Ort, um durch vorbildliches Benehmen Punkte für Österreich zu sammeln. 

Das Lokal ist gut gefüllt, der Rock ist classic und der gesamte Barbereich wird von einer Gruppe Steirer eingenommen, Betriebsausflug einer Voest-Tochterfirma aus Mürzzuschlag. Das Mitarbeiterbonding läuft auf Hochtouren, beinahe durchgehend formieren sich Chöre in leicht abgewandelten Formationen zur beherzten Interpretation der Evergreens „Zicke zacke, zicke zacke“ und „Z’samm, z’samm, z’samm“. Ein Metallbearbeitungslehrling versucht mich zu einem gemeinsamen Absinth zu überreden. Bevor ich antworten kann, wird unser Gespräch durch vier in schwarz glänzenden Leggings verpackte Beine unterbrochen, die plötzlich unser Sichtfeld einschränken. „Na, die Empfangsmädels sind auch schon wieder gut drauf“, sagt mein Sitznachbar und feuert Jacqui und ihre Freundin an, sich der an der Bar befestigten Poledance-Stangen zu bemächtigen. Der Ruf Österreichs ist in dieser Bar nicht mehr zu retten, also mache ich mich auf die Suche nach den Pub Crawlern. 

Ich erwische die Gruppe gerade bei der Wodkakommunion vor dem zweiten Lokal. Chris, der Amerikaner, umarmt mich. Sein betrunkenes Gedächtnis hat unser eineinhalbminütiges Gespräch im Rock OK, das ausschließlich aus Vorstellungsfloskeln bestand, in der vergangenen Stunde wohl extrem aufgewertet. 

Niemand soll sagen, dass man für Diplomatie sehr viele Worte braucht. 

Er nennt mich abermals Bro und wir erarbeiten uns mühselig eine diesem Status würdige High-five-Choreografie. Ich bin kein Fan von solchen Zeremonien, aber will nicht unhöflich sein. Den Vorsatz, mich beim Alkoholkonsum zurückzuhalten, muss ich allerdings spätestens jetzt aufgeben. 

Die Disco, in der wir uns jetzt befinden, ist auch nach den drei Schnäpsen noch furchtbar. Die meisten Gäste tragen Weiß, es ist zu laut zum Reden und zu verwinkelt zum Tanzen. Chris scheint das nicht zu stören, er singt die brandaktuellen R-’n’-B-­Electro-Hits begeistert mit. Ich will zum Rauchen vor die Türe gehen, der Türsteher droht mir, mich dann allerdings nicht mehr hineinzulassen. So ist das also mit der Hinterzimmerdiplomatie. Wenn man einmal vom Tisch der Mächtigen aufsteht, kann es passieren, dass einen jemand verdrängt. 

Die Schlange vor dem Lokal ist länger geworden. Frauen werden vorgelassen, denn wie in unserer Pub-Crawl-Gruppe ist auch das Gesamtverhältnis der Gäste im Club extrem männerlastig. Drei aufgetakelte Amerikanerinnen erkundigen sich bei mir nach der Musik. Meine Selbstbeherrschung weicht einer vom Schnaps gestärkten Impulsivität und ich antworte: „It’s shit. But I think you’re gonna like it.“ Ich erröte wegen dieser spontanen Eruption uncharmanter Ehrlichkeit. Kann ich diese verbale Entgleisung noch relativieren? Muss ich? Zu spät, die drei Frauen verschwinden hinter dem Türsteher. Mich durchströmt plötzlich ein vages Gefühl. Ich glaube, es ist Zufriedenheit. Ich schaue auf die Uhr: 0.23. Knappe vier Stunden ist es mir gelungen, dem Ansehen Österreichs in der Welt nicht zu schaden. Ich beschließe, das ist genug.