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Sebastian Kurz sieht nicht nur verdammt gut aus, sondern weiß auch, was Frauen hören wollen. Das sagen zumindest Umfragen. Aber funktionieren seine Sprüche auch im Club? Christoph Wagner hat sie sich eine Nacht lang ausgeborgt.

Die Schlange vor einem Club ist ein Ort, an dem man es vermeiden sollte, Scheiße zu reden. Das liegt ganz einfach daran, dass man nur noch schwer auskann, wenn man es sich mit vorne oder hinten verscherzt hat. Vorausgesetzt, man will den Platz in der Schlange nicht aufgeben, ist der Fluchtweg zu. Ich bin also erstmal vorsichtig. 

Es ist kurz nach ein Uhr und seit einer Viertelstunde stehe ich vor einem Electroclub mitten in Wien. Es gibt sicher viele Dinge, die alleine verdammt viel Spaß machen, in einer Schlange stehen gehört nicht dazu. Deswegen hätte ich am liebsten schon irgendetwas zu irgendjemandem gesagt und nicht die Schuppen der auf die Wand gemalten Riesenechse gezählt (es müssten so 50 sein, wahrscheinlich sogar etwas mehr). Zu der jungen Frau hinter mir zum Beispiel, mit dem Oversize-Pullover und dem Turnbeutel auf dem Rücken. 

Ich will natürlich nicht behaupten, dass Sebastian Kurz Scheiße redet, auf keinen Fall, aber für den Smalltalk in einer Schlange ist es eine echte Rechercheleistung, aus Interviews vergangener Jahre einen passenden Icebreaker zu finden. Okay, „Europa bewegt sich in die richtige Richtung“, hätte ich gerade sagen können, als wir endlich wieder ein paar Schritte nach vorne machen. Immerhin stehen da ein paar Nationalitäten in der Schlange. Aber so super wäre das auch nicht gewesen, was soll man da als jemand anderer schon drauf antworten, und eingefallen ist es mir auch erst fünf Sekunden zu spät. Durch die Verzögerung hätte das dann so geklungen, als würde ich Dödel mit jemandem auf den Fidschis telefonieren. 

Immer wenn vorne die schwere Flügeltür einen Spalt aufgedrückt wird, donnert die Basstrommel nach außen. Ein bisschen weiter unten, am Anfang des Geländers, stehen zwei Türsteher. Der eine arbeitet, der andere schaut ihm zu. Das geht so, seit ich da bin. System Baustelle. Sonst ist so eine Clubtür ja manchmal wie der Einreiseschalter an einem Flughafen, nur dass man sich vor Clubtüren nicht gleich unter den Generalverdacht gestellt fühlt, hier gleich alles in die Luft jagen zu wollen, wenn die Männer dreimal zwischen Ausweis und Gesicht hin- und herschauen. Aber manchmal müssen sie gar nicht so genau hinsehen. Wenn Typen taumeln, zum Beispiel, und sich dabei gar keine Mühe geben, die halbvolle Weinflasche in der Hand zu verstecken. Der Türsteher findet das nicht so super. Auch dass der Mann sich in der Wiese daneben den Rest des Inhalts runterwürgt, was sich für ihn wahrscheinlich wie ein fairer Kompromiss anfühlt, wird ihm heute nicht mehr helfen reinzukommen.

Das sollte aber auf jeden Fall sofort besprochen werden. Ich dränge mich eine Reihe nach vorne zu den beiden Mädels mit den Boyfriend-Jeans und sage, noch den Türsteher fixierend: „Wir haben unterschiedliche Zugänge, aber uns verbindet der Wunsch, den Zustrom zu reduzieren.“ Vier aufgerissene Augen starren mich an. „What?“, sagt die eine, obwohl sie Deutsch kann. „Ist das aus einem Film?“, die andere. Dann huschen sie hinein, ich will hinterher, aber halt, stopp, nein, du noch nicht: Ausgerechnet der Türsteher, dem ich vorhin noch Faulheit unterstellt habe, hält mich auf. 

Egal, wichtiger ist jetzt sowieso, vor seinen Augen keinen Fehler zu machen: Nett, geordnet, klar und natürlich wirken, das kann ja nicht so schwer sein. Unverdächtig halt. Aber immer, wenn man das versucht, wirkt man natürlich besonders verdächtig. Schlechter Zufall, dass genau jetzt die halbe Gästeliste des Abends gemeinsam einläuft. Mit Karteikärtchen in Übergröße, wie sie normalerweise nur Jura-Studenten verwenden, habe ich vorher ein paar Sätze auswendig gelernt. Neben einem steht in Blockbuchstaben „—> GÄSTELISTE“. Mieses Timing, jetzt erste Reihe zu stehen, aber ich könnte endlich in ein erstes Gespräch kommen und schnaube deswegen die Turnsackerl-Frau an: „Es braucht ein Ende der Einladungspolitik!“ Meine Hände hacken dabei wild durch die Luft. Stolz, so schnell reagiert zu haben, starre ich erwartungsvoll in ihre Richtung. Aber wieder: nur weit aufgerissene Augen. Ich versuche mich zu erklären, stammle vor mich hin, dass ich ein Freund der Klarheit sei und überhaupt, man sollte das doch sagen dürfen, egal ob das populär ist oder eben nicht.

Ich merke, dass ich die Schlange endgültig verschreckt habe, und bin froh, dass es endlich reingeht. Jetzt schnell an die Bar. Die ist rechteckig und sieht so aus wie die grüne Unterbodenbeleuchtung eines VW Polo, und die, die dahinter stehen, könnten ihre Fahrer sein. 

Ich werde von einer jungen Frau bedient, die eine Kappe trägt, auf der „Rauschkind“ steht. Ich entscheide mich für Bier und sage: „Es wird von vielen etwas angedeutet, aber keiner will es aussprech…“ Ich bin noch nicht mal fertig, da ist ihr Kopf schon wieder unter der Bar verschwunden, und ich höre nur noch leichtes Flaschenklimpern, das sich durch die Musik drückt. 

Alles ein bisschen ernüchternd hier. 

Wo sind sie, die 38 Prozent Frauen, die mich laut einer Umfrage toll finden, verdammt, wieso interessiert niemanden, was ich zu sagen habe? Auf den Sitzgelegenheiten neben der Bar führen zwischen Topfpflanzen ein Typ im Ferrari-Hemd und seine platinblonde Bekanntschaft mit den herben Gesichtszügen ein angeregtes Gespräch. Bei mir läuft es nicht so. Ich trinke mein erstes Bier aus, schütte das zweite hinterher und erzähle in der Zwischenzeit einer Spanierin von dem guten Rat eines Freundes in meiner Zeit als Staatssekretär. Keine Ahnung, ob sie mich nicht versteht oder es sie einfach nicht interessiert. Aber das war es dann auch schon wieder. 

Die Uhr auf meinem Handy zeigt drei viertel drei. Höchste Zeit, mich selbst zu hinterfragen. Habe ich bis jetzt vielleicht auf die falschen Themen gesetzt? Ich muss dringend auf meine Notizen schauen. Hier die Schummelzettel rauszuholen wäre ein bisschen peinlich, also gehe ich besser auf die Toilette. Auf dem Weg dorthin muss ich vorbei am Eingang eines Hinterzimmers, das jetzt so etwas wie eine VIP Area ist, eben für so Leute wie den richtigen Sebastian Kurz. Aber das zu wissen hilft mir jetzt auch nicht, weil wie würde er so schön nach derart verkorksten Gesprächen sagen: „So wie es war, kann es nicht bleiben.“ 

Also: vorbei an zehn freundlichen Afrikanern, rein in die Kabine ganz rechts, tapeziert mit Edding 3000. Ich gehe die Kategorien durch, zu denen ich Sätze herausgesucht habe: Klassiker (Mittelmeer, NGOs und so weiter), ich, wir, andere, Musik, Liebe. Vielleicht habe ich es bis jetzt zu negativ angelegt, vielleicht brauchen Gespräche, die unter dem nervösen Zucken des Stroboskops stattfinden, etwas Entschleunigendes. Gut, dass ich genügend Sätze aus Claudia Stöckls „Frühstück bei mir“ rausgeschrieben habe. 

Ich entdecke eine fröhliche kleine Mädchenrunde am anderen Ende der Tanzfläche und springe in die Menge. An der Decke zittern Neonstäbe im Takt. Rauch wird von rechts in den Raum geschossen, und dauernd verändert sich irgendwo die Beleuchtung. Grün, türkis, blau, weiß, rot. Auf dem Weg rüber laufe ich in eine der beiden Hosenträgerinnen aus der Schlange. Wie ich den DJ finde, will sie wissen und zappelt weiter. Schluss mit der Oberflächlichkeit, beschließe ich und antworte mit etwas Persönlichem: „Eigentlich würde ich mir jetzt die Band Muse und den Song ‚­Uprising‘ wünschen.“ Dabei schlage ich mit meinen Zeigefingern auf einer Lufttrommel und fiepe am Ende „So come on, so come on!“ 

Ich erkläre, dass Muse die Band war, die wir damals während der Maturazeit andauernd gehört haben, und das deswegen eine schöne Erinnerung ist. Sie schaut mir in die Augen, lächelt und antwortet. Leider ist es so laut, dass ich sie kaum verstehen kann. Egal, weitermachen: „Weißt du“, brülle ich in ihr Ohr, „ich habe so viele andere Dinge im Kopf, dass mich mein Studium jetzt nicht sonderlich beschäftigt.“ Sie nickt verständnisvoll, ich glaube, sie kennt das. Eine erste Gemeinsamkeit? Aber gerade, als sie mir wahrscheinlich zurufen will, wie hart so ein Publizistik-Bachelor sein kann, und ich als Nächstes gefragt hätte, wie das jetzt nun ist, also mit ihr und mir und dem Schließen der Mittelmeerroute, dropt der DJ so brutal den Beat, dass es nicht nur beginnt in den Ohren zu pfeifen, sondern die Leute uns – von vorn und hinten, links und rechts – vor lauter Ekstase auseinandertanzen. 

Die Frage aller Fragen bleibt für den Moment also weiter ungelöst. 

Das darf mir nicht nochmal passieren. Ich gehe deswegen raus auf die Terrasse und bekomme gleich eine Gänsehaut. Diese Nächte in Wien, nicht warm, nicht kalt. North-Face-Jacken-Wetter – und das mitten im Sommer. Ich hocke mich vor eine Gruppe, bei denen es riecht wie in einer Douglas-Filiale. Die Nägel der drei jungen Frauen sind sehr aus Plastik, dafür auch sehr lang. „Ich möchte mit euch gemeinsam das Land verändern“, sage ich laut. Wann auch sonst damit beginnen, wenn nicht jetzt um kurz vor fünf? 

„Ja, Oida!“ 

Mit so viel Zuspruch habe ich nicht gerechnet. Und noch während ich überlege, mit welchem Spruch jetzt nachgelegt werden sollte, stört ein penetrantes ­Heeeeeeeey meine Gedanken. Die Kunst des Minimalismus wird mir ausgerechnet von einem Niederösterreicher mit Maschinenfrisur und seitlich tief ausgeschnittenem Muscle-­Shirt vorgeführt. Damit hätte ich auch nicht gerechnet. Aber er hat schon recht: Zu viel Inhalt ist halt manchmal kontraproduktiv. 

Ihre Gelnägel, das ist das Ergebnis, krallen sich jetzt jedenfalls in seine und nicht in meine Schulter. Dafür steht plötzlich eine der Freundinnen vor mir. Aber wie das so ist, nichts befähigt zu größerer Boshaftigkeit als verschmähte Liebe. Deswegen kann ich gar nicht anders, als mich mit den Worten „Wir können nicht wieder nur Köpfe austauschen und so tun, als wäre nichts gewesen“ zu verabschieden.

Das Wasser im Pool leuchtet türkis, das Lametta in den Bäumen tanzt im Wind. War’s das wirklich schon für heute? So wie der Zeitungsverkäufer vor meinem Stammsupermarkt, den ich schon ewig kenne, winkt mir einer der Jungs vor dem Klo jetzt schon immer zu, wenn er mich von Weitem kommen sieht. Okay, einer, der so oft in der Klokabine verschwindet wie ich in den vergangenen paar Stunden, müsste jetzt entweder nur noch aus Drogen bestehen oder ein ernsthaftes Magenproblem haben. 

Aber egal, ein letztes Mal Sätze auffrischen, ein letzter Versuch: Verlassen, an der Ecke der Bar, fällt mir ein Mädchen auf. Ihr Nasenring spiegelt sich in der neongrünen Beleuchtung der Arbeitsfläche. Eine, die so aussieht, als würde sie sich für alles einsetzen. Für freie Bildung, gegen die Globalisierung und den Klimawandel. 

Sehr gut. Und vor allem beste Voraussetzungen für eine politische Diskussion. Es macht den anderen doch gleich viel interessanter, wenn sich Meinungen beginnen zu reiben, oder? 

Ohne Vorwarnung sage ich: „Also ich bin der festen Überzeugung, dass die Einladungspolitik und der Glaube, jeden in Europa aufnehmen zu können, der falsche Ansatz war.“ – „Ich sag’s dir ganz ehrlich“, ihre Augen schauen mich schief an, „ich kann über so was jetzt echt nicht mehr diskutieren.“ Aber, aber, halte ich dagegen und erkläre ihr, dass ich glaube, wenn wir diesen Weg gemeinsam ordentlich und anständig gehen, kann das das ganze politische System stärken. Es fällt ihr zwar schwer, den Kopf aufrecht zu halten, aber sie möchte mir noch etwas sagen: So zählt sie auf, was sie heute getrunken hat, und analysiert, warum sechs Wodka Makava mindestens zwei zu viel sind. Als mir dazu einfach nichts mehr einfällt, sagt sie plötzlich: „Aber du wählst doch sicher rechts.“

So eine Frechheit lasse ich mir nicht bieten und verschwinde. 

Es ist kurz vor sechs, draußen auf der Straße riecht die Luft nach frischem Tau. Eigentlich nach frischem Tau, Bier, Dreck und Zigaretten. Unter einem der Kastanienbäume steht der Typ mit Ferrari-Hemd, in seinen Armen die Blondine von vorhin. Sie knutschen zu einer schnellen Version von Ed Sheerans „Shape of You“, das aus den Türen des Nachbarclubs dröhnt. Dabei sieht man vor allem ihre beiden Zungen. 

Zwei Mädchen neben mir verziehen ihr Gesicht. „Ich habe gesagt, dass es unangenehme Bilder geben wird, nicht, dass ich sie mir wünsche“, rufe ich ihnen zu. Ein erstes Lächeln, ein zweites. 

Na bitte, es geht doch.