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Die Sauna ist ein Ort, an dem Ehrlichkeit normalerweise nichts zu suchen hat. Werner Jessner zog los, um uns vom Gegenteil zu überzeugen. 

Der Wachler vor mir hat nicht mal eine Glatze. Ich dachte bis jetzt ja immer, dass das Grundvoraussetzung ist, wenn man beim Aufguss ernst genommen werden will. Ich sitze auf einem bunten Badetuch ganz oben in einer Zirbensauna und schwitze vor mich hin. Es ist Vormittag und unter der Woche – und die anderen, die hier sind, hätte ich als alt bezeichnet, allerdings, als ich noch 30 Jahre jünger war. Das irritiert mich sehr, das hätte ich mir anders vorgestellt. Der Mann mit den Haaren peitscht jetzt inbrünstig das Handtuch in sämtliche Richtungen, als wäre es ein Lichtschwert und er Obi-Wan. Die Sauna heizt sich immer weiter auf. 85, 90, 95 Grad. In den Reihen wird gestöhnt: „Ohh, ahhh. Mmhhh.“

Eigentlich bin ich hier, um unbequem ehrlich zu sein. Um Wahrheiten auszusprechen, die so offensichtlich sind, dass sie sich keiner zu sagen traut. Ich bin hier, um ein bisschen ein Arsch zu sein, würden viele sagen. Aber vielleicht kann ich durch meine Klarheit etwas verändern, zum Positiven natürlich. Ich zum Beispiel war bis vor Kurzem überzeugter Träger eines Vokuhilas. Vielleicht hätte auch mir gegenüber ein bisschen Ehrlichkeit nicht geschadet.

Aber es ist alles gar nicht so einfach. 

Weil eine Sauna eigentlich ein wahrheitsfreier Raum ist. Haare, die an komischen Stellen wachsen, eigenartig aussehende Zehennägel, dicke Wänste, Plattfüße; alles keine Themen, die man hier bespricht. Dinge, bei denen man draußen zumindest kurz die Nase rümpfen würde, guten Freunden sagen würde, dass sie sich das vielleicht mal von einem Profi anschauen lassen sollten, werden komplett ausgeklammert. Das gebietet die Höflichkeit. Und das an einem Ort, an dem Transparenz ja eigentlich an erster Stelle steht, an dem man alles, also wirklich alles, offenlegt, was man hat. Das ist schade und sollte sofort geändert werden. 

Aber um so etwas zu durchbrechen, dafür braucht man Eier. 

Und die habe ich zwar, das können alle hier sehen, aber irgendwie trau ich mich noch nicht so ganz. Dann, fertig gewachelt, die erste echte Chance: Einer der Männer, bisschen Bauch, bisschen Schulterpelz, droht mit einem Witz. Witze sind generell das Letzte, das weiß man ja, und innerlich schmiede ich bereits geistreiche Wortwitze, die ich ihm um die Ohren werfen werde.

„Gott, Jesus und Maria“, beginnt er, findet es aber selbst schon zu witzig, also nochmal: „Gott, Jesus und Maria wollen auf Urlaub fahren. Jerusalem, schlägt Gott vor. ‚Wääh, da war ich schon‘, motzt Jesus. Betlehem, schlägt Gott vor. ‚Nicht schon wieder‘, stöhnt Jesus. Lourdes!, schlägt Gott als Drittes vor. ‚Super, das machen wir‘, frohlockt Maria. ‚In Lourdes war ich noch nie.‘“ Bruhaha, die Saunabelegung, 16 Stück hoch, lacht. Und ich? Muss leider mitlachen. Vom Erfolg besoffen, legt er einen nach, einen Burgenländer-Witz, irgendwas mit herumvögeln, wenig lustig. Aber mir ist vom Lachen so heiß, dass ich kein Wort herausbringe. 

Ich zweifle mittlerweile daran, ob die Zirbensauna oder überhaupt eine Therme wirklich das geeignete Soziotop für mein soziopathisches Unterfangen ist. Weil eigentlich hätte ich mir das ja so vorgestellt: Ich, 40, ganz gut in Form, spaziere mitten in der Woche durch eine Therme. Wer wird da schon alles sein? Nur Pensionisten und Kurgäste, dachte ich. Also lauter Menschen, denen ich! persönlich! als Vertreter der Ehrlichen, Tüchtigen und Fleißigen mit meiner quartalsmäßigen Steuerüberweisung ihren Lenz ermögliche. Ich wollte vorbeirauschen an einer adipösen Gestalt nach der anderen, denen man unbedingt das nahe Ende durch baldigen Herzinfarkt auf den Kopf zusagen müsste, zu ihrem eigenen Besten. Ich sah mich außerdem Ranzzeitungen aus altersfleckigen Händen schlagen mit der dringenden Aufforderung, endlich etwas Vernünftiges zu lesen. Und ich wollte Leute duschen schicken, weil es vieles, aber nicht der Schwefel ist, was hier so komisch riecht. 

Und jetzt? Jetzt sitze ich in einer Runde von Menschen, die mir einfach nicht den Gefallen tun, etwas falsch zu machen. In dieser Sauna gibt es nichts anderes als Hitze, Schweiß, gelegentliches Stöhnen und – ja – Höflichkeit. Niemand steigt auf mein Badetuch, womit die Erläuterungen zum Thema Fußpilz flachfallen. Es schweißelt auch keiner aufs Zirbenholz, und ich muss nicht erklären, wie lange eine Zirbe wachsen muss, um als Saunaschweißunterlage zu enden (es sind mindestens 150 Jahre). Warum gibt es hier nichts, was zu sagen ist? 

Ich muss die Location wechseln. Drüben beim Tauchbecken ist vielleicht ein besserer Ort für Wahrheiten. Aber zuerst mal duschen. Es gibt immerhin nur ein Tauchbecken für alle und heute will ich selbst keine Angriffsfläche bieten. Ich stelle mich unter die Dusche und will ab jetzt jeden anmaulen, der die Saunabakterien ins Wasser mitschleppt. Doch nach dem dritten Drücken des Duschautomatikknopfes wird es einem der wenigen aus der Weißkopfbrigade zu bunt. „Das gibt’s ja ned, simma’s bald?“, will er wissen. „Binschofertig“, druckse ich raus.

Auch im Ruheraum ist es natürlich diesmal ruhig. Nur einmal fragt einer, wie mein Buch (Martin Walker, „Grand Prix“) sei. „Scheiße“, sage ich. „Schlecht recherchiert, miserabel übersetzt.“ Es ist kaum zu glauben, aber ich bin seit drei Stunden da, und das ist das Schlagfertigste, was bis jetzt aus mir herausgekommen ist. Und der Autor dieses Scheißbuches ist ja nicht mal da. Der Frager hat eine sehr fragwürdige Frisur. Das könnte ich ihm jetzt reinwürgen. Eigentlich müsste ich es. Aber dann sagt er: „Das habe ich vermutet. Seine anderen Bücher taugen auch nicht viel.“ Ich merke wieder, wie schwierig es ist, unbequeme Dinge anzusprechen, wie groß die Überwindung ist. 

Ich bin von mir selbst enttäuscht. Ich jage zwar mit meinem Mountainbike Strecken hinunter, die andere als unbefahrbar bezeichnen würden, aber den Mut, jemandem zu sagen, dass er bitte aus einer Augenbraue wieder zwei machen soll, habe ich nicht? 

So, Schluss, Neustart. Letzter Versuch: die kleine, dunkle Sauna im Eck. Hier, da bin ich mir sicher, wird sich die finstere Seele öffnen, hier werde ich Gesprächspartner finden, denen endlich einmal etwas reingesagt gehört! Kaum beginnen die ersten Schweißperlen meine behaarte Brust runterzulaufen, öffnet sich die Tür. Zwei Frauen, halb so alt wie ich, aber doppelt so angezogen. Mit Bikini in die Sauna, das geht vielleicht in Italien, aber bei uns sicher nicht. Unhygienisch. Kulturfremd. Der Bikini als Burka der Saunagängerin. 

„Könnten Sie sich bitte gefälligst ausziehen?“ Habe ich das wirklich gerade gesagt? Schaut so aus. 

„Am Montag ist hier Damensauna“, erwidert die Kleinere der beiden.

Oida.