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Ganz klar: Gute Zuhörer machen die Welt besser. Sara Geisler hat sich eine Nacht lang hinter eine Bar gestellt und sich alles angehört, was man ihr zu sagen hatte.

***

Wenn überhaupt, dann erst nach ein paar Sekunden etwas erwidern; dem Gegenüber Gelegenheit geben, der Aussage noch etwas hinzuzufügen.

Johannes* erzählt von seinem bestem Freund, er ist vor Kurzem an gebrochenem Herzen gestorben. Gern getrunken hat der Freund auch. Und dass die Frau, die ihn verlassen hat, reich war (und der Freund nicht), war der Lage auch nicht besonders zuträglich. 

„Im Bekanntenkreis haben alle gemerkt: Der war schon mal glücklicher“, sagt Johannes.

Ich wische ein bisschen herum und nicke.

„Aber keiner hat gewusst, dass es so ernst ist.“

Ich rücke den Bierdeckelstoß gerade, nicke weiter.

„Man kann ja nicht reinschauen in den Menschen. Ich mein, was hätten wir schon ausrichten können?“

Ich schaue auf, lächle, so sanft es nur geht. Johannes lächelt zurück. Dann trinkt er einen großen Schluck gelben Muskateller und wir schauen einander an, schweigend, wohlwollend, verständnisvoll. Wir kennen uns seit zwanzig Minuten. 

Barkeeper haben den Ruf, gute Zuhörer zu sein. Vielleicht liegt es daran, dass sie hinter einem Tresen eingesperrt sind. Vielleicht aber haben sie einfach erkannt: Wer zuhört, weiß mehr. Er läuft nicht Gefahr, in irgendwelche Fettnäpfchen zu treten. Falsch gewählt, falsch gegendert, falscher Fußballverein – alles egal. Im Zweifel ist der Barkeeper mit seinem Schweigen automatisch der sympathischste Mensch im Raum. In einer Zeit, in der Aufmerksamkeit zum höchsten Gut verkommuniziert wird, kann man mit einem offenen Ohr erst recht punkten. Der Autor von „Power Listening“ – ein McKinsey-Veteran – kürt das Zuhören zum „most critical business skill of all“. Das „Manager Magazin“ erkennt in ihm die „Zauberformel für Sympathiegewinnung“. Und manche Ratgeber glauben, wenn auch mit weniger reißendem Absatz, man lerne seine Mitmenschen durch aktives Zuhören besser kennen. Missverständnisse würden ausgeräumt, das Zusammenleben gar harmonisch.

Was passiert, wenn man eine Nacht lang allem und jedem zuhört? Wird man unweigerlich zum Sympathiemagnet – nur weil man mal die Klappe hält? Oder doch zum Langweiler? Sprudeln die essenziellen Informationen von selbst aus den Leuten heraus, oder ermutigt man nur zu Geschwafel? Und schließlich: Korreliert die Qualität des Zuhörens mit der Quantität des Trinkgeldes?

Das Lokal „das Orange“ im vierten Gemeindebezirk ist ein altes Wiener Beisl, nur auf neu, und das Licht schon um 17 Uhr angenehm schummrig. Es gibt Schweinsbraten und Gin Tonic, Semmelknödel und Berliner Luft. Am wichtigsten aber: eine große Bar, an der rund fünfzehn Trink- und potenziell Redselige Platz finden. 

Am frühen Abend sitzt aber erstmal nur Heinrich da, ein schlanker Koch, der einen leichten Baumwollschal um den Hals trägt und feine Federn am Kopf. Ich stelle ein Achterl Wein vor Heinrich auf den Tresen und nicke ihm zu: nicht zu tolle, eher subtil aufmunternd, wie es auf meinem Schummelzettel steht. Zwar wurde mir nie attestiert, eine schlechte Zuhörerin zu sein. Weil aber Umfragen zufolge 96 Prozent der Erwachsenen von sich glauben, gute Zuhörer zu sein, habe ich mir sicherheitshalber im Netz ein paar Tipps zusammengesucht. 

Auf Körpersprache achten. Selber keine Signale senden, die sagen: „Interessiert mich nicht.“ Stattdessen: permanenter Blickkontakt, regelmäßiges Zunicken (subtil!), sensible Mimik.

Heinrich erzählt, wie er vor zehn Jahren von Berlin nach Wien gezogen ist, wegen seiner Frau, einer Schauspielerin. Dann erzählt er von Restaurants, die bald eröffnet werden, anderen, die schon wieder schließen. Davon, wie langweilig es nicht wäre in Wien. Nichts los, kein Vibe. Ich merke: So kommen wir nicht weiter. Der Monolog droht zu versanden. Ich beschließe kurzerhand, eine Regel über Bord zu werfen, wenn auch nur vorübergehend:

Nicht versuchen, eigene Erfahrung oder Wissen einzubringen – vor allem nicht zwanghaft! Inneren Monolog abstellen!

Auf meinem Zettel ist die Regel fett unterstrichen. Laut dem Autor Anthony Alessandra, der vier Zuhörer-Typen definiert hat, muss ich mich nämlich irgendwo zwischen dem selektiven und dem bewertenden verorten: Höre ich jemandem am Telefon zu, grase ich nebenher schon mal das halbe Internet ab, bis das Gespräch eine interessantere Wendung nimmt. Andere Male überlege ich mir streberhaft schlagkräftige Antworten oder Gemeinsamkeiten, während mein Gegenüber noch spricht.

„Ich wohne auch in Berlin!“, platzt es aus mir heraus.

„Was, wirklich? Wunderbar, wunderbar!“, ruft Heinrich.

Er besteht darauf, dass ich einige Eckdaten preisgebe – Wohnort, Aufenthaltsdauer, Lieblingsclubs. Kurz fürchte ich, die Konversation würde sich zu einem gleichberechtigten Gespräch entwickeln. Doch dann fängt Heinrich Feuer. Er erzählt, wie er nach der Wende nach Berlin gezogen ist, wie er sich nie wieder so frei gefühlt hat wie damals. Von Filmsets, auf denen er die Stars bekochte. Von Pamela Anderson, von Nicolas Cage, vom alten „Tresor“. Elektrisiert spreizt er die Finger auseinander, kämmt sich durch das Haar und gibt mir und dem anderen Barkeeper einen Zirbenschnaps aus. „Hast du morgen Abend schon was vor? Ich hab ein Ticket für die Rolling Stones in Spielberg, aber ich brauch es eigentlich nicht.“

Die meisten Menschen wechseln zwischen den verschiedenen Zuhörer-Typen hin und her. Mal hören sie aufmerksamer zu, mal weniger, je nach Situation und Gegenüber. Für mich aber gibt es heute nur interessante Menschen: der Netzwerker/Start-upper/Werber mit dem Seidentuch im azurblauen Blazer, der entweder mit der jungen Kellnerin scherzt oder auf seinem Smartphone herumdrückt. Der „Ich hab mir wieder mal einen Trottelfahrer ausgesucht“ schimpft und dann grußlos aus dem Lokal gleitet. Die Freundin der jungen Kellnerin, die den ganzen Abend lang ruhig auf ihrem Hocker sitzt und der nur ein einziger Satz zu entlocken ist: „Einen Orange Mule, bitte.“ Das Pärchen aus Budapest: Sie, lange schwarze Haare und Influencer-Zahnlücke, ist Englischlehrerin. Er, lila Samtjackett und Filzhut, Art Director aus den USA. Der Hund, ein Vizsla, ein in Ungarn geschütztes Rasse­tier, der nur Englisch versteht. Viele Einheimische fänden das nicht okay. „Peo­ple ask me on the street: ‚He lives here, why doesn’t he speak Hungarian?‘!“ Der Art Director schüttelt den Kopf, dann geht er mit dem Hund Gassi. Seine Freundin bezahlt die zwei Bier und gibt mir vier Euro Trinkgeld.

Nach dem sechsten Freigetränk, einer Einladung zu einer Hausparty und einem Liebesbrief von einem jungen Mann, bei dem ich Gesagtes paraphrasieren! Nach Details fragen ausprobiert habe (Zitat: „Du wirkst zu intelligent, um Leute zu bedienen“), übermannt mich das Verlangen, meine Umgebung zu manipulieren. Immanuel Kant sagte, der Zuhörer wäre ein schweigender Schmeichler. Ich fühle mich eher wie eine egozentrische Wanze, die sich an der Gunst der anderen labt. Dem Bann ihres bedingungslos offenen Ohrs scheint keiner zu entkommen. Eine Weile lang ekle ich mich vor mir selbst, doch bald bin ich zu betrunken und auch sonst zu k. o., um weiter darüber nachzudenken. Das Powernicken, das Lächeln, die vielen Informationen, die ungefiltert meine Firewall durchfluten, sind das totale Brain-Workout. Um Mitternacht ertappe ich mich dabei, immer öfter wegzuhören und Oberflächen totzupolieren. 

Ablenkungen vermeiden, nicht zwanghaft nach Arbeit suchen, nur wegen eines unangenehmen Gefühls/peinlicher Stille. 

Am Ende des Tresens, Nähe Ausgang, liest ein vierzigjähriger Mann im Ringelshirt seit zwei Stunden den „Falter“. 

„Steht irgendetwas Gescheites drin?“, fasse ich mir nochmal ein Herz.

Der Mann schaut auf, etwas skeptisch, und blättert um. 

„Ja, da findet sich immer was.“

Er zieht an seiner Parisienne, trinkt einen Schluck Schladminger und setzt dann, als er merkt, dass ich immer noch dastehe, zu einer Blattkritik an: „Die Geschichte über die Schmähbuben – fad geschrieben. Die Kolumne über Nordkorea dafür sehr interessant. Am liebsten mag ich aber die Kultursachen.“ Georg, so heißt der Mann, gesteht mir, dass er nur wegen des „Falters“ ins Orange kommt. Das Schikaneder fände er auch okay, aber dort ist kein „Falter“ abonniert. Ohne auf das Blatt zu schauen, zitiert Georg aus einem Artikel über die Rolling Stones: „Wie gut, dass die Tour mal wieder von einem Automobilhersteller gesponsert wird. Wer weiß, was die Eintrittskarten sonst kosten würden.“

Georg strahlt und sagt: „Richtig gut, oder?“ Ich lächle mild. Georg schaut mich erwartungsvoll an. Ein paar Sekunden vergehen. Ich lächle weiter, diesmal energetischer, aber es reicht nicht. Eine Sackgasse. Georg braucht keinen Zuhörer. 

Später sagt mir jemand, dass der Mann im Ringelshirt der Georg sei. Der Georg aus Wien, Mitte der Neunziger, „Herzblatt“. Der junge Student, der sein Studium aus dem Bankomaten finanzierte. 

Kurz nach 1.30 Uhr knicke ich schließlich ein. Ich drücke mich aus der Bar und stolpere die Margaretenstraße hinunter. In der Pizzeria „Blaue Lagune“ setze ich mich an den Tisch, der zu den anderen Tischen den größten Abstand hat, bestelle Minestrone und höre meinen Backenzähnen beim Zermalmen des Knoblauchbrots zu. Es ist ein gleichmäßiges Schmatzen, nicht zu leise, nicht zu laut. Der Informationsgehalt überschaubar und beruhigend. Das Schmatzen will nichts von mir, ich will nichts von ihm. Es klingt einfach nur richtig.

* Manche Namen wurden geändert.