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Manche langweilen dich, wenn sie reden, andere ziehen dich in ihren Bann. Resi Reiner wollte Menschen in ihrem Umfeld beeinflussen und hat deshalb gelernt, zu sprechen wie Sebastian Kurz.

„Und wie war’s beim Radatz-Geburtstagsfest?“, sage ich und drehe mich mit meinem gesamten Oberkörper zu meinem Mitbewohner, während ich ihm tief in die Augen schaue. Die eine Hand stütze ich ganz cool auf meinem Oberschenkel ab. Cool ist gut gesagt, es fühlt sich einfach alles falsch an. Trotzdem halte ich den Blickkontakt und versuche ganz entspannt zu lächeln. Während er mir von seinem Tag erzählt, nicke ich immer wieder zustimmend. Als er fertig ist, hebe ich beide Hände vor die Brust und sage laut und deutlich: „Super, ich freue mich“, und starre ihm dabei noch immer tief in die Augen. „Äh, warum schaust du mich die ganze Zeit so komisch an? Willst du irgendwas?“, sagt er zu mir. Scheiße, alles falsch gemacht. Also verneine ich und verabschiede mich wieder in mein Zimmer. Ein erster gescheiterter Versuch, mit meinem Mitbewohner so zu sprechen, wie Sebastian Kurz es machen würde.

Vielleicht sollte ich mich kurz erklären: Ich möchte, dass mein Mitbewohner mit mir das Zimmer tauscht. Als wir eingezogen sind, haben wir uns der Fairness halber ausgemacht, dass wir jedes halbe Jahr Zimmer tauschen werden: Passiert ist das nie. Jetzt gibt es viele Gründe, warum ich finde, dass ein Wechsel notwendig ist und sich die Hierarchie in der WG ändern sollte, ich mag gar nicht alle aufzählen. Einer der Gründe ist jedenfalls, dass das WLAN seit ungefähr drei Wochen in meinem Zimmer nicht mehr funktioniert. Ich hab echt alles probiert, aber einfach keine Chance. Allein diesen Monat habe ich zehn Euro für extra Datenvolumen auf meinem Handy ausgegeben. Ich brauch das andere Zimmer wirklich. Ich finde, ich habe recht.

Aber wie überzeuge ich meinen Mitbewohner? Ich google „Sebastian Kurz Rhetorik“. Ich quäle mich durch unzählige Interviews von ihm und versuche seine Körpersprache zu analysieren.

Mir fällt auf, dass er immer lächelt. Auf den Fotos schaut das eigentlich ganz authentisch aus, aber in den Interviews und Diskussionen wirkt es unfassbar angestrengt.
 Außerdem hat er immer die Hände offen und hält Blickkontakt. Er schaut den Menschen immer direkt in die Augen und nickt zustimmend. Nach einigen Stunden Videostudium fühle ich mich zumindest in der Theorie gut vorbereitet. Jetzt geht es aber um die Praxis. Also stelle ich mich vor den Spiegel, ziehe meine Mundwinkel leicht nach oben, hebe meine Hände vor die Brust und nicke. Ja, so macht er das.

Nach der ersten Annäherung gestern Abend starte ich am nächsten Tag einen neuen Versuch und gehe im Kopf noch einmal alles durch: aufrecht stehen, immer freundlich nicken, die Hände immer offen. Am meisten freue ich mich darauf, die Schüssel auszuprobieren. Die funktioniert nämlich so: Wenn du deine Hände vor dem Oberkörper zu einer Schüssel formst und dann immer wieder zum Boden deutest, wirkt das beruhigend auf dein Gegenüber. Nicht dass ich glaube, dass mein Mitbewohner jetzt aufbrausend reagiert, weil ich ihm sage, dass ich sein Zimmer will, aber man weiß ja nie: besser immer auf alles vorbereitet sein. Reinhold Mitterlehner hat am Anfang ja auch immer gesagt, dass er jederzeit für Sebastian Kurz Platz machen würde, und war am Ende dann doch sehr patzig.

Ich bin unfassbar nervös, aber diese Nervosität darf ich mir nicht anmerken lassen. Ich stelle mich aufrecht vor ihn und suche den Augenkontakt. Das Ganze stellt sich als sehr kompliziert heraus, denn mein Mitbewohner sitzt an seinem Schreibtisch und starrt auf seinen Computerbildschirm.

„Ich habe mir gedacht, wir könnten jetzt mal Zimmer tauschen“, sage ich mit fester Stimme, während ich mit meinen geöffneten Händen vor meiner Brust fuchtle. Noch immer schaut er mich nicht an. Ich hebe meine Mundwinkel leicht an und frage mich dabei, ob Sebastian sich auch immer so unwohl fühlt.
„Ja, voll. Das habe ich mir auch letztens gedacht. Find ich gut“, sagt er. Mehr nicht.
Ich bin enttäuscht. Dafür habe ich trainiert? Ich habe mir schöne Argumente überlegt, warum mein Zimmer das bessere Zimmer für ihn wäre. Ich habe mich eine Stunde lang vor meinen Spiegel gestellt, um meine Körpersprache zu perfektionieren. Ich wollte diskutieren und fuchteln und nicken und lächeln. Und nichts davon ist notwendig, weil er mir das, was ich wirklich will, sofort gibt?

War das beim echten Sebastian und seinen Forderungen an den ÖVP-Parteivorstand auch so leicht? Weil wenn, dann verstehe ich, warum er neue Herausforderungen braucht.

Ich bin auf einer Geburtstagsparty, rund um mich sind knapp 20 Menschen, und die meisten kenne ich. Einen kenne ich sogar richtig gut – und ich hasse ihn. Weil ich in den letzten zwei Tagen gelernt habe, wie ich Menschen von etwas überzeuge, möchte ich mein Glück jetzt auch bei ihm versuchen: Ich werde ihn dazu bringen, die Feier zu verlassen.
Ich starte einen Probelauf mit vier Jungs. Um meine Argumente zu unterstreichen, zähle ich mit der rechten Hand die Punkte, die ich anspreche, mit.

Ich fühle mich bereit: Ich stehe auf und bringe mich in Position. Hände vor der Brust, ein leichtes Lächeln im Gesicht. „Musst du morgen auch arbeiten?“, frage ich. Er nickt. Ich frage ihn, wann er aufstehen muss. „Früh, so 6.45“, sagt er. „Oh, dann müsstest du ja jetzt langsam nach Hause, ist ja auch schon echt spät, oder?“ Um meinen Worten mehr Wirkung zu verleihen, fuchtle ich mit meinen offenen Händen vor der Brust herum. Das mit dem Augenkontakt ist nicht so einfach. Es besteht die Möglichkeit, dass er den Blickkontakt falsch interpretiert.

Das Grinsen ist anstrengend und ich komme mir blöd vor, wie ich da so lächelnd herumgestikuliere. Aber ich bleibe freundlich und nicke aufmerksam, wenn er mir eine Antwort gibt. „Wenn ich du wär, würd ich heimgehen.“ Ich ernte einen irritierten Blick. Jetzt bin ich zu weit gegangen.

Er haut ab. Aber leider nicht nach Hause. Und ich habe keine zweite Chance.