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Im Supermarkt nebenan kennt Benjamin Koffu alle Mitarbeiter. Er kennt ihre Hobbys, ihre Beziehungen, ihre Schwächen. Lange wusste er nicht, was er mit diesem Wissen anfangen könnte – bis er sich einbildete, täglich eiskalten grünen Tee zu trinken. Und dann ließ er ein Rädchen ins andere greifen.

Dass Frau Schumann* mir nicht weiterhelfen wird, ist klar. Aber ich wende mich trotzdem erstmal an sie, während sie unin­spiriert Salami, Gouda und Gurken in meine Semmel schlichtet.
„Von den Getränken im Regal da drüben sind nur ganz selten welche vorne im Kühlfach. Ließe sich das ändern?“
Frau Schumann dreht sich zu mir und sieht mich fragend an. Weil ich sie kenne, weiß ich natürlich, was sie antworten wird. Sie zieht ihre schwarzen, aufgemalten Augenbrauen hoch. Dann sagt sie es gelangweilt:
„Da bin ich nicht zuständig, da müssen S’ die Kollegen fragen.“
„Vielleicht können Sie es ja weiterleiten.“
Frau Schumann fixiert mich noch kurz durch ihre Hornbrille, dann reicht sie mir mein Mittagessen über die Theke.
Sie hat es zur Kenntnis genommen.

Es wird Menschen geben, die meinen, das Gespräch war eine ziemliche Niederlage. Doch sie irren sich. In Wahrheit habe ich Phase eins meines Plans erfolgreich eingeleitet. Ich habe mein Thema platziert. Vielleicht hat es auch die Kollegin, die hinter mir gerade Essigflaschen ins Regal räumt, mitbekommen. Die ist zwar auch nicht die Richtige, um mir zu helfen, aber wissen soll sie es trotzdem: Ich will, dass der ChariTea Green, den es hier im Supermarkt gibt, endlich auch ins Kühlregal bei der Kassa geschlichtet wird. Und es sollen alle wissen. Denn nur dann passiert es auch tatsächlich.

Ich kenne die Angestellten des Supermarkts in der Nähe unseres Büros ziemlich gut. Ich weiß, wie sie heißen, wie sie zueinander stehen, teilweise sogar, wo sie Urlaub machen. Kollege Wagner und ich haben das aus reiner Neugierde herausgefunden, indem wir beim Einkaufen ein bisschen genauer hingesehen, beobachtet und im Internet Informationen gesammelt haben. Im Grunde haben wir eine Netzwerkanalyse gemacht.

Eine Analyse ist immer der erste Schritt, um ein Netzwerk erfolgreich für seine Zwecke nutzen zu können, sagen Netzwerkprofis. Ich habe gelesen, dass es beim Netzwerken nicht zuletzt darauf ankommt, ein Gespür für die Kultur innerhalb einer Gruppe zu entwickeln, für die Strukturen, die ihr Handeln mitbestimmen. Und ja, über die Mitarbeiter des Supermarkts wissen wir nach unseren monatelangen Recherchen wirklich alles.

Aber über welchen Mitarbeiter fädle ich die Sache am besten ein?

Natürlich weiß ich, wer für das Getränkekühlregal zuständig ist. Aber Rene Merk werde ich nicht direkt ansprechen. Das wäre einerseits zu einfach, andererseits möchte ich ihm nur ungern sagen, dass er seinen Job nicht richtig macht – und darauf würde es hinauslaufen, wenn ich ihn bitte, nicht nur die Mainstreamlimos einzukühlen. Rene soll meinen Wunsch zwar erfüllen, er soll aber nicht wissen, dass er es für mich tut.

Wer also gehört neben Frau Schumann und Rene Merk noch zu dem Netzwerk, das ich für meine Zwecke nutzen will? Wer kommt als Ansprechpartner infrage?

Jakob Zabilek ist der stellvertretende Filialleiter. Er ist so um die 30 Jahre alt und hat mit sehr großer Wahrscheinlichkeit wie einige seiner Kollegen noch nichts von den Privatsphäreeinstellungen bei Facebook gehört. Darum weiß ich, dass er wochenends gerne in Clubs geht, in denen man Wodka offenbar in Sechsliterflaschen bestellt. Ich weiß auch, dass in seinem Freundeskreis viele Mädels sind, mit denen er neckisch rumchattet, und dass er heuer mit seiner Freundin Urlaub gemacht hat und vom Hotelbalkon einen schönen Blick aufs Meer hatte.

Jakob dürfte ein Kumpeltyp sein, agil und nach außen hin immer gut gelaunt. Das ist er aber nicht nur auf Facebook, sondern auch im Supermarkt. Er ist freundlich, grüßt laut und bringt sich in allen Bereichen ein. Wenn es an der Kassa nicht weitergeht, setzt er sich an eine neue, wenn jemand aus der Firmenzentrale in der Filiale vorbeischaut, führt Jakob ihn herum. Und wenn in der Früh Obst und Gemüse geliefert werden, hilft er seinem Kollegen aus der Gemüseabteilung, Walid Nermin aus Ägypten.

Die beiden sind die Leistungsträger im Markt, und ganz offensichtlich verstehen sie sich ganz gut – auch wenn Jakob Walid manchmal scherzhaft „Herr Doktor“ nennt und der Unterton dabei ein bisschen gehässig ist. Walid hat in Kairo Sprachen und Dolmetsch studiert, bevor er hierherkam. Jetzt schlichtet er Bananen und Paprika im Supermarkt. Das scheint Jakob zu amüsieren.

Einmal haben wir eine Rodel von Jakob ausgeborgt, weil wir Hefte transportieren mussten und unsere kaputt war. Ich musste dafür mit meinem Führerschein bürgen. Selbstverständlich haben wir die Rodel unbeschadet wieder zurückgegeben. Und diese Aktion könnte mir jetzt aus zwei Gründen nutzen.
Beim Netzwerken geht es schließlich auch darum, sichtbar zu sein und angenehm aufzufallen. Zweitens ist es ratsam, zu versuchen, laufend Vertrauen auf- und auszubauen. Die Sache mit der Rodel hat tadellos funktioniert, und einige Mitarbeiter haben gesehen, dass wir nicht nur irgendwelche Kunden sind, sondern einen Draht zum Chef haben.

Aber obwohl Jakob uns kennt, kommt viel eher sein Freund Walid als Ansprechpartner für mich infrage. Wobei ich mir nicht sicher bin, wie nahe und regelmäßig er an Rene, den Getränkeeinkühler, rankommt. Laut unseren Beobachtungen haben die zwei kaum miteinander zu tun. Aber fragen, ob er dafür sorgen kann, dass das Kühlregal in meinem Sinn befüllt wird, werde ich ihn.

Jakob fällt für mich wegen seiner Position als Vorgesetzter aus. Über die Bosse spielen, das ist schlechter Stil, es sind ja auch nur die schlechten Politiker, die bei Kritik an den Texten einzelner Redakteure direkt in der Chefredaktion anrufen.
Oder in der Anzeigenabteilung.

Darum kommt auch Herr Ertl, der Filialleiter, in meiner Strategie nicht vor.
An der Wursttheke gibt es zwei Mitarbeiterinnen, mit denen ich mittags hauptsächlich zu tun habe: Frau Schumann und ihre Kollegin Frau Drechsler, die sich ein bisschen ähnlich sehen – nicht nur wegen ihrer Hornbrillen und dunklen Augenbrauen.

Von Frau Drechsler weiß ich, dass sie zwei Katzen hat, die Coco und Pheobe heißen. Kollege Wagner und ich haben Frau Drechsler sogar einmal mit ihren Katzen geholfen: Bei der Wahl zu „Österreichs süßester Katze“ hat Frau Drechsler ihre beiden angemeldet und wir haben hier im Büro mehrmals und von unterschiedlichen Rechnern online für sie gevotet.

Ich habe aufgeschnappt, dass man beim Netzwerken grundsätzlich vor allem geben und im Verhältnis dazu wenig nehmen sollte. In diesem Fall ist Frau Drechsler natürlich nicht bewusst, dass ein paar der Klicks für Coco und Pheobe von uns kommen. Aber wenn sie sich generell über den Zuspruch freut, könnte ich über Umwege auch davon profitieren. Zufriedene Menschen im Netzwerk sind wahrscheinlich eher nützlich als gefrustete. Man kann ja nie wissen.

Frau Drechsler kommt mir tatsächlich zufriedener vor als ihre Kollegin Frau Schumann. Aber mehr, als dass ich auch Frau Drechsler über das Problem mit dem Bio-Grüntee unterrichten werde, habe ich nicht vor: Die Feinkost ist nach meinen Beobachtungen ein eigener, abgeschlossener Mikrokosmos, ein Geschäft im Geschäft.

In der Filiale arbeiten außerdem noch einige, bei denen ich sicher bin, dass sie keine Hilfe sein werden. Soweit ich weiß, arbeiten die jeder für sich und interagieren kaum mit Kollegen. Sie sind hier, um ihre Schicht zu überstehen, mehr nicht.

Für mich ist eine andere Kollegin die logische Ansprechpartnerin. Nadine Trenker arbeitet erst vergleichsweise kurz hier, kommt mir aber äußerst motiviert vor. Sie hat schnell eine beachtenswerte Routine an der Kassa entwickelt. Außerdem ist sie immer sehr freundlich und aufmerksam. Sie weiß zum Beispiel längst, dass ich nie eine Rechnung will und auch kleinste Beträge immer mit Karte zahle.

Ich vertraue ihr, und außerdem arbeitet sie immer in der Nähe des Kühlregals, in das Rene möglichst bald meinen grünen Tee stellen soll. Sie sitzt entweder an der Kassa oder schlichtet ein paar Meter neben dem Kühlregal Waren ein. Rene ist oft in ihrer Nähe und mit ihr muss er eigentlich gut auskommen, so nett wie sie ist.
Ich nehme mir also vor, ein paar Tage lang immer andere Mitarbeiter auf mein Thema aufmerksam zu machen, es aber tatsächlich gleich von Anfang an über Nadine zu versuchen.

Gleich nachdem ich mit Frau Schumann an der Wursttheke gesprochen habe, sehe ich, dass Nadine gerade Müsli einräumt, und gehe zur ihr.
„Sagen Sie, ist es möglich, auch mal die Getränke aus dem Regal da hinten vorne einzuschlichten?“
Sie ist wie immer sehr freundlich.
„Das hängt immer vom Kollegen ab, der da zuständig ist. Ich werde es ihm sagen. Um welches geht es denn – um dieses?“
Sie sieht, dass ich einen lauwarmen Chari­Tea in der Hand halte, den ich am Weg zu ihr aus dem Regal genommen habe. Damit will ich ihr zeigen, dass ich es ernst meine. Es geht schließlich darum, glaubwürdig zu sein, wenn man in seinem Netzwerk Interessen artikuliert, habe ich gelesen.
„Ja, dieser Tee, aber auch andere Getränke aus dem Regal. Ich weiß von mehreren Leuten, dass sie das gut fänden.“

Sie nickt freundlich, wir verabschieden uns und ich gehe Richtung Kassa.
Am frühen Abend komme ich wieder, um weiterzumachen. Ich habe eigentlich vor, jetzt Walid beim Obst anzusprechen, aber der ist nicht mehr da. Es ist gerade überhaupt kaum jemand hier. Also gehe ich an Frau Schumann, die noch immer Dienst hat, vorbei weiter Richtung Kassa.

Dann sehe ich das Kühlregal. Mindestens zehn Flaschen Grüntee und ebenso viele Flaschen deutscher Biolimo stehen dort zwischen Cola- und Red-Bull-Dosen. Das ging schnell.

Eigentlich wäre es mir lieber gewesen, ich hätte noch ein bisschen mehr dafür tun müssen, um ans Ziel zu kommen. Ob mir mein Netzwerkwissen weitergeholfen hat, ist so natürlich schwer zu sagen. Aber Informationen zu haben kann eigentlich nie ein Fehler sein, denke ich mir. Beim Rausgehen überlege ich, was ich hier in Zukunft alles erreichen könnte. Vielleicht führe ich demnächst ein paar neue Produkte ein.

Und wahrscheinlich ist das beim Taktieren ja ohnehin oft so: Da bereitet man langwierig etwas vor, und dann erreicht man sein Ziel plötzlich unerwartet schnell.
Man kennt das aus der Politik.

* Namen von der Redaktion geändert.